Station: Bahnhof Friedenau

Friedenau bietet viel, notierte Günter Grass vor dreißig Jahren in sein "Tagebuch einer Schnecke". Da wohnte er noch in der Niedstraße, über ihm die Flugzeuge der PanAm und BEA nach Tempelhof, unter ihm die U-Bahnlinie nach Steglitz. Drumherum Landhäuser, Villen und Mietshäuser der Gründerzeit, Vorgärten mit schmiedeeisernen Gittern, Parkanlagen, Springbrunnen, Gartenlokale, Wochenmarkt, Postamt und ein Friedhof für den Komponisten Ferrucio Busoni, auf dem nun auch Marlene Dietrich ihre Ruhe gefunden hat.


 Foto: S-Bahnhof Friedenau

Frieden-Au, wie die Landhauskolonie ursprünglich genannt wurde, entwickelte sich seit seiner Gründung 1871 zu einer beliebten Wohngegend. Viel Intelligenz war hier Zuhause, darunter Rosa Luxemburg und Theodor Heuß, die Künstler Hans Baluschek, Karl Schmidt-Rottluff, Ernst Barlach, Hannah Höch, der Komponist Max Bruch, die Schriftsteller Dinah Nelken, Max Hermann-Neiße, Erich Kästner, Günter Weisenborn, Max Halbe, Hans Christoph Buch, Günter Bruno Fuchs, Rainer Maria Rilke, Kurt Tucholsky, Christoph Meckel, Nicolas Born, Paul Zech, Kurt Hiller, Georg Hermann, auch der "Tingeltangel" mit Marlene Dietrich, Hildegard Knef, den Comedian Harmonists und natürlich das Quartett Günter Grass, Uwe Johnson, Hans Magnus Enzensberger, Max Frisch.

Das ruhige Viertel hinter dem Innenstadtring hat bisher alle Wirren überstanden, den Verlust des eigenen Rathauses ebenso wie 1920 den Anschluss an Schöneberg und 2001 die Dreingabe an den unüberschaubar gewordenen Großbezirk Schöneberg-Tempelhof. Verändert hat sich kaum etwas. Die wenigen Baulücken die es noch gab, werden erst jetzt gefüllt. Die Generation Golf, die nach dem Fall der Mauer an Spree und Havel drängte, hält Hof in Berlin-Mitte und lässt dem 19. Jahrhundert seine Beschaulichkeit.

In dieser Gegend findet alles sehr unaufgeregt statt. Wer würde sich hier wundern, wenn Grass und Enzensberger wieder mit ihren Friedenauer Nachbarn Johnson und Frisch an den Tischen vor dem "S-Café" über Mittelmaß von Politik und Medien parlieren würden? Hier hat man sich daran gewöhnt, dass nebenan im "Blumenladen" Axel Schultes und Giorgio Grassi mit Gianni Panzetta, Wirt und Architekt in einem, über das Bauen in Berlin diskutiert. Vor dem Heimweg kann sich auch Renate Künast am Nachbartisch die "Tagliatelle verdi agli Asparagi di Bosco e Basilico fritto" ungestört schmecken lassen. Einig ist man sich hier vor allem dann, wenn Gianni alles auf den italienischen Punkt bringt: "Wir sind die letzte Generation, die haben gut gegessen." Da lacht auch die Verbraucherministerin.

Als eine solche noch nicht vonnöten war, wurde am 29. Oktober 1838 die erste preußische Eisenbahnstrecke vom Potsdamer Bahnhof in Berlin über Zehlendorf nach Potsdam eröffnet. An den Dörfern Schöneberg, Friedenau und Steglitz fuhren die Dampfzüge mit 35 Stundenkilometern vorbei. Die erste Vorortbahn sollte die Städte näher bringen, "ohne sie je zu verschmelzen in einen Residenzkoloss" und sie sollte auch "das kleine Potsdam sichern, dass das größere Berlin es nie verschlinge". In einem Bericht an den König wurde schon damals gut gedacht: "Die Einwohner werden in eine Gemeinschaft treten, welche jetzt so häufig nicht gefunden werden kann; die Grundstücke in Potsdam müssten im Preise höher steigen, da gewiss viele Einwohner nach draußen ziehen würden, wo ein billigeres Leben stattfinden würde".

Nach der Reichsgründung von 1871 wurden vor allem die Sonderzüge für "die Beförderung der Allerhöchsten und Höchsten Herrschaften" zum Problem. Bei unterschiedlichen Geschwindigkeiten "der zu befördernden Schnellzüge, Personenzüge und Güterzüge und den dadurch bedingten vielfachen Zugüberholungen verlangt ein derartiger Zugverkehr die angestrengteste Aufmerksamkeit der betheiligten Beamten um so mehr, als ein Theil der Züge die Zwischenstationen zu durchfahren hat, während ein anderer auf jeder Station zum Aufnehmen und Absetzen von Reisenden zum Stillstand gebracht werden muss".

Da schon der Kaiser um das Wohl seiner Beamten besorgt war, sorgte das Eisenbahnanleihegesetz von 1887 dafür, dass auf der 12 Kilometer langen Strecke zwischen Berlin und Zehlendorf parallel zu den Hauptgleisen ein neues Gleispaar gelegt wurde. Während die sogenannte "Stammbahn" für die Direktzüge zwischen den Residenzen und den Fernverkehr nach Magdeburg reserviert war, wurden auf der "Neuen Wannseebahn" die Zwischenstationen bedient.

Friedenau hatte für seine 1104 Einwohner und 258 Haushalte bereits am 1. November 1874 eine eigene Station mit Empfangsgebäude, Kiosk, Geräteschuppen und einem überdachten Mittelbahnsteig erhalten. Zur Ausstattung gehörten ein Dienstraum für den Stationsbeamten, ein beheizbares Wartehäuschen, Sitzbänke mit hohen Rückenwänden, Zugrichtungsweiser, Trinkbrunnen, Bahnsteiguhr und "Schilder zur Bezeichnung der Stelle, wo die Wagen der II. Klasse zum Stillstand kommen". Am Treppenausgang wurde ein Schaffnerstand "zur Ausübung der Fahrkartenprüfung" installiert. Das alles hat die Zeiten nicht ganz, aber doch in wesentlichen Teilen überstanden.

Ob einst Berlin-Potsdam-Magdeburger-Bahn und Neue Wannseebahn oder heute S 1, wer hier ankommt, erreicht wie Anno dazumal nur per pedes über Tunnel und Treppen den Bahnhofsvorplatz. Einsichtig und übersehbar ist er auch dann, wenn sich ringsum Linde, Kastanie und Ahorn üppig entfaltet haben. Von vier Gebäuden wird er umhüllt und markiert: Drei eingeschossigen Bahnhofsbauten aus leichtem Fach- und Mauerwerk im "Schweizer Stil" steht das repräsentative vierstöckige Eckwohnhaus aus dem Jahre 1892 mit einer wohlfeilen Stuckfassade gegenüber. Dieses Nebeneinander von ländlicher Idylle und luxuriöser Gründerzeit ist typisch für Friedenau.

Ganz und gar untypisch ist, dass dieser Bahnhofsvorplatz keinen Namen hat. Er braucht auch keinen, weil weder die Generation Golf noch die Touristen nach ihm fragen. Er ist ein Platz, der einfach schon immer da ist, nichts ist besonders an ihm, kein Museum, kein Denkmal, kein Brunnen, nicht einmal eine Boutique. Unaufdringlich ist er und bescheiden. Markt und Feste hat er nie erlebt, Großstadtverkehr übrigens auch nicht. Das Leben mit der Station reicht ihm aus. Alte und Junge kommen hierher, halten ein, stehen herum, treffen sich, reden, spielen, lesen, essen, trinken mitunter auch, was keineswegs bedeutet, dass sie sich aus dem Alltag in die Arme dieses Platzes retten. Sie entdecken höchstens, was sie besitzen. Friedenau bietet viel.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20. Februar 2003


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