Checkpoint Bravo

Dreilinden kannte jeder. Seit 1838 vom Durchfahren des Forstes mit der Berlin-Potsdamer Eisenbahn, der ersten Eisenbahnstrecke Preußens, die nun unter dem Titel „Stammbahn“ wieder in aller Munde ist, später laut Fontane auch „das Schloss, wenn nicht von Ansehen, so doch aus den Hofnachrichten, in denen es in bestimmten Abständen hieß: Seine Königliche Hoheit kam heute von Dreilinden herein in die Stadt und kehrte gegen Abend dahin zurück'. Dieses Jagdschloss war nach 1869 der Lieblingsort des Prinzen Friedrich Karl von Preußen. 1954 wurde es abgerissen.


 Foto: Eingartner & Khorrami

Die Gegend zwischen Dreilinden und Drewitz blieb aber auch danach im Gespräch. Bei schikanösen Vernehmungen in der Grenzübergangsstelle Drewitz (GÜST) verstarben 1956 Charlotte Arlt, 1971 Herbert Wünsch und 1983 Rudolf Burkert, obwohl den Passkontrolleuren „Höflichkeit befehlsmäßig verordnet war“. Über sachliches, korrektes Auftreten und sicheres, überlegtes und bestimmendes Handeln sollte schließlich „die Urteilsbildung der Reisenden über die DDR aktiv beeinflusst werden“. Diskriminierende Bemerkungen über Äußeres, Bekleidung, Alter, Geschlecht, Rasse, die „als persönlich verletzend aufgenommen werden könnten, hatten zu unterbleiben“.

Erlebt wurde anderes. Die Perspektive war entscheidend: Bürger der BRD oder Westberliner da, NVA und MfS dort. Auf den Transitwegen demonstrierte die DDR ihre Macht. Nicht laut, eher subtil. Die Genossen genossen es, Reisende, Deutsche wie sie, verängstigt und gedemütigt zu erleben. Das war schon ein Sieg über den Klassenfeind.

Dreilinden war ein besonderer Ort. Wer herein kam, atmete hier erst einmal tief durch, wer hinaus wollte, wartete hier erst einmal, weil einige Hundert Meter weiter an der GÜST Drewitz das Prozedere seine Zeit brauchte: Nach dem ersten Halt und der Abgabe der Dokumente transportierte ein Förderband diese zum nächsten Häuschen. In der Zwischenzeit wurden die Fahrzeuge mit Bodenspiegel und (ohne Rücksicht auf die Insassen) mit Röntgengeräten untersucht. Hinter den Kulissen gab es den Abgleich der Namen mit dem „Fahndungsbuch“. Lange Wartezeiten waren üblich. Lag nichts vor, ging’s weiter, lag etwas vor, ging’s zum MfS in die Verhörbaracke.

Das ist Geschichte. Auch daran ist die DDR zu Grunde gegangen. Geblieben ist von der Grenzübergangsstelle Drewitz der ehemalige „Führungspunkt“, vom Kontrollpunkt Dreilinden ein Ensemble mit Brückenbauwerk, Rundbau und Tankstellen – heute Denkmal und Brache zugleich, ein Symbol, über dessen Zukunft sich die drei Grundstückseigentümer, Bundesrepublik Deutschland, Land Berlin und die in Bonn ansässige „Autobahn Tank & Rast Holding GmbH“, bisher nicht geäußert haben - eine Aufgabe also für die kürzlich berufene Senatsbaudirektorin Regula Lüscher.

Die Architekten Peter Eingartner und Alexander Khorrami haben sich bereits Gedanken gemacht, „allein schon deshalb, um eine mögliche Nutzung unter Wert zu verhindern. Dreilinden ist der erste Eindruck, die allererste Begegnung mit Berlin“. Die Wiederbelebung dieses Ortes müsste demnach im Interesse der Hauptstadt sein.

Eingartner und Khorrami möchten Dreilinden zu einem modernen Stadttor, zum repräsentativen Entrée gestalten. Im „Berlin-Portal“ unter dem Namen „Checkpoint Bravo“ sollen für den Individualverkehr „Touristinformation, Stadtmarketing und Gastronomie an einem einzigartigen Standort vereint werden. Mittels einiger gezielter architektonischer Eingriffe werden die vorhandenen Bauqualitäten des ehemaligen Kontrollpunktes neu zur Geltung gebracht.“

Erhalten werden die vorhandenen Bauten aus dem Jahre 1969, die seinerzeit unter der Federführung von Senatsbaudirektor Rainer G. Rümmler entstanden: der markante rote Rundbau und die beiden poppigen Tankstellen – auch das Brückenbauwerk.

Das halbkreisförmige Restaurantgebäude bleibt eine gastronomische Einrichtung, demnächst (allerdings und hoffentlich) „hochwertig mit Bar, Club und Lounge im 70er-Jahre-Ambiente“. Da die Tankstellen innerhalb des Zehlendorfer Kleeblatts mit ihrer unverwechselbaren Architektur auf Grund der heutigen Auflagen nicht mehr reaktiviert werden können, sollen sie zukünftig „eine symbolhafte Funktion als moderne Torhäuser übernehmen“.

Schwieriger wird es mit dem Brückenbauwerk als Kernstück des „Berlin-Portals“. In die früheren Büros des „Allied Checkpoint Bravo" ist das Bundesministerium der Finanzen und mit ihm das Zollamt Dreilinden eingezogen. Da die Beamten mit der Abfertigung von Betäubungsmitteln (BtM), Lebensmitteln (L), Tabakerzeugnissen, kosmetischen Mitteln und sonstigen Bedarfsgegenständen wie Milcherzeugnissen (Mi) und Wein (W) offensichtlich viel zu tun haben, wird es wohl schwierig werden, aus diesen Räumen ein Museum zu machen, in dem „die Geschichte von Dreilinden und Drewitz dokumentiert“ wird.

Visionen, das ist das Schöne daran, können (könnten), sollen (sollten) und müssen (müssten) Prozesse des Nachdenkens auslösen. Nicht mehr und nicht weniger verbirgt sich hinter dem Konzept von Eingartner und Khorrami. Es kommt dabei gar nicht darauf an, ob in Zukunft nun tatsächlich auf der Ostseite in einem „befahrbaren Rundbau“ ein 24-Stunden-Motel entsteht. Allerdings ist der Gedanke schon pikant, mit dem Auto über eine Spindelrampe direkt vor das Zimmer zu fahren, zumal vorher „eine Ampel die Verfügbarkeit signalisiert“. Sollte diese auf Rot stehen, dann bleibt für die Wartezeit (unmittelbar davor) eine „Rund-um-die-Uhr“ geöffnete Ladenstraße mit Restaurant, Café und sonstigen Serviceeinrichtungen. Sorgen werden die Architekten auch für das „Danach“. Über eine gegenläufige Spindel geht’s zurück auf die Autobahn, hinein in die Stadt oder hinaus in die Mark.

Da der neue „Checkpoint Bravo Dreilinden“ ohne öffentliche Mittel entstehen soll, das Unternehmen aber für Investoren wirtschaftlich interessant werden muss, haben sich Eingartner und Khorrami eine Einnahmequelle ausgedacht: Direkt an der Landesgrenze entsteht das „Berlin-Brandenburg-Casino“. Für Berliner wie für Brandenburger gleichermaßen Ziel. Wenn das nichts ist.

Märkische Allgemeine Zeitung, 18. April 2007


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