Der Empfangssalon Berlins

Langsam sickert es auch in Berlin durch, dass Daimler-Benz nicht unbedingt ein guter Stern für unsere Straßen ist. In der Friedrichstraße, wo man "erst nicht durch und schon bald nicht mehr drumherum" kommen soll, wurden statt propagierter "kritischer Rekonstruktion" kalte Schluchten in den Himmel gebaut. Am Potsdamer Platz, wo "die Ansprüche für die Zukunft der vereinigten Stadt beispielhaft verdichtet" werden sollten, ahnt man nun, was sich Daimler-Benz, Sony, ABB und Hertie unter einem "Platz für Begegnungen, für Kommunikation und Diskussion zwischen tatsächlichen Bürgern" vorstellen. Was wird da gebaut? Eine humane oder die virtuelle Stadt?


 Pariser Platz, Zustand 1939

Weil der Pariser Platz "zu den hervorragenden Plätzen des alten Berlins gehört", befürchtet der Senat nun spät, sehr spät, zu spät, Schlimmes auch für den einstigen "Empfangssalon Berlins". Es klingt beim Anblick der bisher geschaffenen Tatsachen wie Hohn, wenn das Rote Rathaus die "stadträumlichen Qualitäten dieser für das Verständnis und für die Funktion der Stadt so wichtigen Friedrichstadt" verkündet und die Wiederherstellung des Platzes gar als "ein wesentliches Teilstück seiner Strategie der kritischen Rekonstruktion des historischen Zentrums der Stadt" ansieht.

Wie prekär die Lage ist, verdeutlicht der Versuch von Fraktionschef Landowsky, die bei Investoren mit viel Reputation ausgestatteten Historiker Arnulf Baring, Joachim Fest und Christoph Stölzl vor den verfahrenen Karren zu spannen, um das eigene Versagen zu vertuschen. Obwohl sich Stölzl für eine "detailgetreue historische Rekonstruktion" einsetzt, Fest sogar "mit einer Annäherung an die Historie" einverstanden wäre und Baring den Akademie-Neubau als "Provokation" empfindet, wird der Pariser Platz gebaut wie geplant, weil den Bauherren von der CDU/SPD-Regierung rechtskräftige Bebauungspläne ausgehändigt wurden, die primär auf Wirtschaftlichkeit und gar nicht auf Historie ausgerichtet sind.

Fein ging es im Empfangssalon Berlins wohl nie zu. Nach der verlorenen Schlacht bei Jena und Auerstedt inszenierte Napoleon am 27. Oktober 1806 den ersten Triumphzug durch das Brandenburger Tor in das "Quarée". Der Magistrat gab die Schlüssel heraus und die Sieger schafften die Quadriga nach Paris. Als die Schmach getilgt, das Quarée zum "Pariser Platz" wurde und für Geschäfte wieder Zeit war, haben der Zimmermeister Carl August Sommer und andere einen Tausch ihrer Flurstücke "abgeschlossen, um dieselben zweckmäßig zu Baustellen verwenden zu können". Weniger spektakulär aber gleich über mehrere Instanzen verlief der Prozess von Max Liebermann, weil er gegen den Willen von Wilhelm II. auf dem Dach seines Hauses Pariser Platz Nummer 7 ein Atelier nebst einem höher liegenden Glasdach bauen wollte.

Damit man weiß, worum es geht, weil dort außer dem Brandenburger Tor und der Baustelle "Hotel Adlon" nichts ist, muss man in die Jahre von 1733 bis 1737 zurückgehen. Sieben barocke Palais wurden damals als spiegelbildliche Anlage um das "Quarée" gebaut. Wenn man die beiden zur Kreuzung Wilhelmstraße hin liegenden Kopfbauten mit den neuen Adressen Unter den Linden 75/77 und 78/80 hinzuzählt, ist das im 19. Jahrhundert spätklassizistisch umgestaltete Ensemble komplett. Das alles ist erst im Bombenhagel vom 3. Februar 1945 untergegangen.

Obwohl Berlin wenig für die dokumentarische Aufbereitung seiner Geschichte "im Detail wie im großen Zusammenhang getan hat und womöglich zu tun gedenkt", hat der Historiker Laurenz Demps für sein Buch "Der Pariser Platz" (Henschel Verlag) vorzügliches historisches Material über Vorgeschichte, Planung und Leben zusammengetragen, auf das man sich verlassen kann.

Im Mittelpunkt der Diskussion stehen jene beiden Häuser, die direkt an das Brandenburger Tor grenzen und deren Traufhöhe sich bisher dem überragenden Torbau unterwarf: Im Norden mit der Adresse Pariser Platz Nummer 7 entsteht das "Haus Liebermann". Wo Max Liebermann einst Wohnung und Atelier hatte, gibt es nun im Obergeschoß Büros und im Erdgeschoß wahrscheinlich Ausstellungsräume für BMWs. Südlich mit der Nr. 1 lag das "Haus Sommer", dass der Zimmermeister 1847 für 30.000 Thaler gekauft hatte. Von heutiger Bedeutung ist, dass Sommers Sitz eigentlich "Haus Rheinische Hypothekenbank" und des Malers Bleibe "Haus Quandt" heißen müssten. Die neuen Eigentümer gaukeln mit den alten Namen eine Historie vor, die sie gar nicht erfüllen wollen.

Beide Bankhäuser wird der in Berlin hinlänglich bekannte Architekt Josef Paul Kleihues aus Dülmen-Rorup bauen, dessen Büroturm am Theater des Westens alles über seine These zur "Wiederfindung der Angemessenheit von Architektur" aussagt. Um den Entwurf ging es hin und her und was uns seine "Architektur in demokratischer Gesellschaft" schließlich links und rechts der Quadriga hinterlassen wird, weiß wohl derzeit keiner so ganz genau. Zwei gewaltige Bauten in der Friedrichstraße, ein Hochhaus am Alexanderplatz, und das ist nur die Spitze des architektonischen Fließbandbüros, fördern nicht gerade die Sensibilität für die beiden Kleihues-Palais am Pariser Platz.

Weil das Brandenburger Tor mit dem Mauerfall "eine symbolische Bedeutung" erlangt haben soll, werden die beiden Häuser nicht auf den ursprünglichen trapezförmigen Grundriss gesetzt. Sie werden nicht (wie einst) direkt an das Tor gebaut, sondern mit einem Abstand von zwei Metern nur "herangerückt". Da in Berlin offensichtlich nur noch die harte Gangart hilft, wo die Übeltäter auch beim Namen genannt werden sollten, muss man sagen, dass es diese Überlegungen schon einmal gab, abgewandelt zwar, aber immerhin in den Plänen von Albert Speer und Adolf Hitler, die bis zum Jahre 1950 das einstige Stadttor mitten in ihre gigantomanische Ost-West-Achse stellen und aus der Reichshauptstadt die Welthauptstadt Germania machen wollten.

Wer das Tor "freistellt", negiert die ursprüngliche Funktion des Stadttores als Ein- und Ausgang der alten Stadt, er macht das Brandenburger Tor zu einem Triumphtor, was es niemals war und was es heute nicht sein darf. Weil es der Politik mit dieser historischen Lage noch nicht genug ist, soll der Bau in Zukunft "zudem symbolisch für die Teilung und Wiedervereinigung der Stadt stehen".

Wer in Demps Buch die Computersimulation des Kleihues-Entwurfs vom Januar 1995 betrachtet, auch die inzwischen erfolgten "Nachbesserungen" anrechnet, wer die deutlichere Fassadengliederung und die nunmehr geplanten an- und abgesetzten Kapitel und Sockel einbezieht, wird kaum davon zu überzeugen sein, dass es am Pariser Platz wieder einmal den Empfangssalon Berlins geben wird. Für den früheren Herausgeber der F.A.Z. Joachim Fest kommt "das Elend der Gegenwartsarchitektur daher, dass jeder Architekt mache, was er wolle. Architekten seien Dienstleister, führten sich aber auf wie Künstler".

Wer in Demps Buch die Computersimulation des Kleihues-Entwurfs vom Januar 1995 betrachtet, auch die inzwischen erfolgten "Nachbesserungen" anrechnet, wer die deutlichere Fassadengliederung und die nunmehr geplanten an- und abgesetzten Kapitel und Sockel einbezieht, wird kaum davon zu überzeugen sein, dass es am Pariser Platz wieder einmal den Empfangssalon Berlins geben wird. Für den früheren Herausgeber der F.A.Z. Joachim Fest kommt "das Elend der Gegenwartsarchitektur daher, dass jeder Architekt mache, was er wolle. Architekten seien Dienstleister, führten sich aber auf wie Künstler".

Seit dem 16. April 1902 residiert am Pariser Platz Nummer 4 die Preußische Akademie der Künste. Weil die heutige Akademie sich nicht selbst in Frage stellen will, wenn sie die Moderne in Frage stellen würde, baut für sie der Architekt Günter Benisch mit seinem gläsernen Haus den wohl provozierendsten Bau am Platz. Auch der wohlgesonnenste Betrachter des neuen Berlin kann dieses Vorhaben nicht mehr in einen Zusammenhang mit einer "kritischen Rekonstruktion" bringen.

Weil die heutige Akademie den Unterschied zwischen "Unvermögen und Moderne" nicht klären will und die Mitglieder sich nicht selbst in den Rücken fallen wollen, akzeptiert man dort wenigstens das Spiegelbildhafte des Platzes. So hofft man nun auf eine "moderne" Lösung der Franzosen, die auf der gegenüberliegenden Nordseite das bereits 1860 für 140.000 Taler erworbene Palais Nr. 5 wieder zu ihrer Botschaft machen wollen.

Bevor am 16. Oktober 1938 das Deutsche Reich als Eigentümer eingetragen wurde, nennt das Grundbuch Frau Marie Anne von Goldschmidt-Rothschild als rechtmäßige Besitzerin für Haus Nummer 5a/6, dessen Besitzer sich jetzt Dresdner Bank nennt und den Architekten Meinhard von Gerken für den Bau gewonnen hat. Im April 1922 nannte das Grundbuch für das Palais Nr. 6a Prof. Dr. Emil Landau als Eigentümer. "Wohnhaft in Göttingen, dann USA, keine weiteren Eintragungen."

Das Eckgrundstück gehört heute der Hanseatica Unternehmens Consulting Berlin. Was man von dem mit dem Neubau beauftragten Architekten Bernhard Winking erwarten kann, gibt der Repräsentant und frühere Berliner Senator Walter Rasch von sich: "Ohne rechtlich gezwungen zu sein, haben wir einen Architektenwettbewerb zusammen mit dem Land Berlin durchgeführt, um gerade an dieser „äußerst exponierten Stelle eine architektonisch optimale Lösung zu finden. Die historische Rekonstruktion war politisch nicht gewollt, der historische Bezug aber durch Vorgaben des Senats gegeben."

Als die Adresse noch Unter den Linden 1 lautete, kaufte der Kaufmann Lorenz Adlon am 3. April 1905 den südlichen Kopfbau und schuf dort sein weltberühmtes "Hotel Adlon". Weil bereits in den dreißiger Jahren aus der Nummer 1 die Nummer 77 wurde und sich heute ein neues Grandhotel besser rechnen lässt, wenn man gleich noch das angrenzende Grundstück Nummer 75 bis zur Kreuzung Wilhelmstraße mitbebaut, schafft jetzt der Architekt Rüdiger Patzschke für den Unternehmer Arno August Jagdfeld und seine Kölner Fundus-Gruppe einen Hotelkoloss, der im Volumen wie in der Höhe jegliches Gespür für den Pariser Platz vermissen lässt.

Dies und anderes mehr vermissen offensichtlich auch potentielle Geldanleger, die sich in die künftig von der Kempinski AG betriebene architektonische Zuckerbäckerei einfach nicht einkaufen wollen. Wer das Fassadenmodell betrachtet und zum Vergleich die Ansichten von 1914 heranzieht, muss sich Christoph Stölzls Forderung nach detailgetreuer historischer Rekonstruktion anschließen, weil diese Rückgewinnung der Stadt allemal sinnvoller ist als alle Versuche der derzeitigen "Moderne".

Wo früher drei Stockwerke waren, ragen heute fünf und ein ausgebautes Dachgeschoss in die Höhe. Gab es einst zu den Linden zehn Fenster pro Etage, so werden sich demnächst mindestens dreiundzwanzig Hotelgäste herauslehnen und zusammen mit den Angestellten der Schweizerischen Bankgesellschaft und der Dresdner Bank aus dem gegenüberliegenden Kopfhaus Nummer 78/80 das Vergnügen haben, den Staatsgästen zuzujubeln.

Was waren das noch für Zeiten, als sich Liebermanns Vater in den Grundakten verpflichten musste, "in der „äußeren Architektur des Hauses keine Veränderung vorzunehmen oder vornehmen zu lassen, sowie das Haus auch immer im äußeren in gleicher Farbe mit dem Grundstück am Pariser Platz No. 6 zu erhalten".

Der Architekt Friedrich August Stüler ist lange tot. Was seine Nachfahren nun dort und anderswo durchsetzen, bringt spät auch die Szene auf die Straße. Für ihr geplantes zerstörerisches Tun gibt es keine Sympathie. Für die Sorgen um die Stadt, die sich dahinter verbergen, können sie Verständnis erwarten. Von Uwe Lehmann-Brauns (CDU) kann man nichts erwarten, da für ihn an der Misere "die Bauherren keine Schuld trifft, weil die baupolitischen Vorgaben der Verwaltung Nagel/Stimmann diese Kompromissarchitektur verlangten".

In welchem antidemokratischen Zustand war die große Koalition aus CDU und SPD, wenn Nagel und Stimmann selbstherrlich entscheiden konnten? Hat hier nicht der Regierende Bürgermeister seine Aufsichtpflicht verletzt? Haben Diepgen, Hassemer, Landowsky und Lehmann-Brauns im Glashaus gelebt? Haben sie nicht die Mahnungen der Gesellschaft Historisches Berlin vernommen? Sind diese wichtigen Entscheidungen ohne sie gefallen? Wenn ja, dann muss der Wähler schon fragen, ob die CDU-Herren ihr Mandat ausgefüllt haben.

Wo die Mitte zusammenfügen sollte, was lange getrennt war, haben Politiker, Architekten und Investoren am Potsdamer Platz, in der Friedrichstraße, am Pariser Platz und wohl auch im Regierungsviertel alle Warnungen missachtet. Sie haben neue Mauern gebaut. Zwischen dem Prenzlauer Berg und Charlottenburg hat die selbsternannte deutsche Führungselite eine Welt entstehen lassen, die Berlin und den Berlinern fremd bleiben wird.

Die Bauten am Pariser Platz:

  • Nr. 1 Haus Sommer
    Eigentümer: Rheinische Hypothekenbank. Architekt: Josef Paul Kleihues.
  • Nr. 2 Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika
    Eigentümer: USA. Architekten: Moore, Ruble, Yudell
  • Nr. 3 Von Rohdichscher Legatenfonds zu Berlin
    Eigentümer: DG-Bank. Architekt: Frank Gehry
  • Nr. 4 Preußische Akademie der Künste
    Eigentümer: Akademie der Künste. Architekt: Günter Benisch
  • Nr. 5 Botschaft der Republik Frankreich
    Eigentümer: Frankreich.
  • Nr. 5a/6 Palais Goldschmidt-Rothschild
    Eigentümer: Dresdner Bank. Architekt: Meinhard von Gerken
  • Nr. 6a Palais Landau
    Eigentümer: Hanseatica Berlin. Architekt: Bernhard Winking
  • Nr. 7 Haus Liebermann
    Eigentümer: Quandt-Gruppe. Architekt: Josef Paul Kleihues
  • Unter den Linden 75-77: Früher "Hotel Adlon" nur im Haus Nr. 77
    Eigentümer: Fundus-Gruppe Köln. Architekt: Rüdiger Patzschke
  • Unter den Linden 78-80: Früher IG Farben. Das Haus wurde geteilt in:
    Eigentümer Haus Nr. 78: Dresdner Bank.
    Eigentümer Haus Nr. 80: Schweizerische Bankgesellschaft.

Märkische Allgemeine Zeitung, 11. Oktober 1996