Der Name ist Schall und Rauch

Was war das für ein Geschrei, als sich Frankfurts Oberbürgermeister Walter Wallmann Anfang der achtziger Jahre am Römerberg für die „Gut' Stubb“ und die populärste Lösung entschied. Während sich die Bankmetropole mit den Einzelbauwerken der Architekten Hans Hollein, Richard Meyer und Oswald Matthias Ungers zu architektonischen Höhenflügen aufgeschwungen hatte, gelang es im historischen Dom-Römer-Bereich weder in den Sechzigern noch am Ende der achtziger Jahre eine zusammenhängende Konzeption für den Wiederaufbau des kleinteilig und bunt zusammengewürfelten alten Areals zu entwickeln.


 Foto: Max Missmann, 1905

Frankfurt gestand sich das Unvermögen von Stadtplanern und Architekten ein, vor allem die Zeit überdauerende Baulösungen zu finden. Die Politik entschied sich im historischen Sinn ahistorisch für den historisierenden Aufbau der Häuserzeile am Römerberg mit Fachwerk, Erkern und Giebel. Ehrlich war diese Entscheidung auch, weil sie deutlich machte, in welcher Misere das Moderne steckt. Wie immer man dieses "Disneyland in Mainhattan" benennen mag, der Römerberg ist wieder ein Raum, oft genug ein Festsaal unter freiem Himmel, ein Stadtplatz, auf dem sich Bürger und Fremde zusammenreden und zusammenraufen.

Das ehrgeizige Berlin geht andere Wege. Weil hier seit der Internationalen Bauaustellung von 1957 im Hansaviertel architektonisch nichts Bemerkenswertes passiert ist, wird jetzt am Stück geklotzt. Da wurden Wettbewerbe veranstaltet und Architektur-Diskussionen über „Modern und Historisch" inszeniert, die doch nur davon ablenken sollten, dass sich die Investoren im Schulterschluss mit der gewinnbaren städtischen Architektenschaft und einigen überregionalen Alibis den Kuchen sowieso untereinander aufteilen.

Wo über Jahrhunderte vom Großen Kurfürsten über Karl Friedrich Schinkel bis hin zu den Architekten des Bauhauses städtische Strukturen entstanden sind, die ein urbanes Leben gerade auch dort erhalten haben, wo der Zweite Weltkrieg nur noch Reste übriggelassen hatte, wird jetzt die bewährte Kleinteiligkeit aufgegeben, auf Blockbebauung, Traufhöhe, Materialreichtum, Gestaltungsvielfalt und Nutzungsmischung gepocht und letztendlich doch das gebaut, was man aus Gründen der Rendite schon immer bauen wollte.

Was man unten durchsetzen konnte, eine Reduktion der Straßenbreite von 40 Metern auf die alten 14 Meter, hat man oben zulegen müssen. Während sich die Politik gegenüber der Öffentlichkeit rückversichert und die alte Berliner Traufhöhe von 22 Metern wenigstens auf dem Papier hat, bauten die spitzfindigen Architekten ihren Investoren ein wenig eingerückt aber obendrauf weitere Stockwerke. So kommen sie auf eine Gesamtbauhöhe von dreißig Metern, die man nun wirklich nicht mehr mit "kritischer Rekonstruktion" begründen kann. Wo bei den Gründerzeitbauten sich das Mansardendach behutsam nach hinten lehnte, wo Erker und Türmchen an den Hausenden schöne Durchblicke zuließen, den Passanten geradezu beschwingt zum Nachbarhaus weiterführten und an den Kreuzungen weiche Übergänge zum nächsten Berliner Quartier schafften, betonen die Betonblöcke von heute mit ihren 22 bis 30 Metern scharfe und hochaufragende Hausecken, die ohne Zweifel jede Querstraße zur Schlucht stempeln.

Wenn am letzten langen Donnerstag des Februar in der Friedrichstraße die „Galeries Lafayette“ zwischen Jäger- und Französischer Straße ihr gläsernes Großblockkaufhaus auf den ehemaligen Grundstücken Nummer 76, 77 und 78 eröffnet, könnte der unfreiwillig zum Senatsbaudirektor a. D. beförderte Hans Stimmann den ersten Ansturm als späten Triumph seiner Arbeit verstanden wissen. Er sollte aber wissen, dass sich die Berliner seit je weit aus dem Fenster lehnen, wenn noch im letzten Hinterhof der Leierkastenmann spielt. Auf das Danach kommt es an.

Es kann doch nur noch Zynismus sein, oder Resignation, wenn der oberste Stadtplaner, auf dessen Stuhl einst Ober-Landes-Bau-Direktor Karl Friedrich Schinkel saß, im hauseigenen Magazin „Foyer“ der Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen darlegt, dass „auch die Friedrichstraße so gesehen ein Testfall für die beiden möglichen Perspektiven urbaner Entwicklung europäischer Zentren ist: Straßen und Plätze oder Mall und Innenhof“.

Berlins neue Mitte als Test? Die Friedrichstraße als Experiment? Sind denn die paar hundert Jahre Berliner Geschichte, in denen es doch immer auch Auf- und Abbrüche gab, nicht genügend Erfahrung dafür, welche Stadt der Mensch zum Leben braucht? Haben die architektonischen Versuche der letzten vier Jahrzehnte in den Innenstädten von Bremen, Dresden, Erfurt, Frankfurt, Köln, Magdeburg, Stuttgart und beider Berlins nicht schon genug Schaden angerichtet?

Warum nur haben die überforderten Berliner Hauptstadtpolitiker die ernsten Mahnungen überhört und geradezu im vorauseilenden Gehorsam gegenüber Investoren Bebauungspläne auf den Weg gebracht, die aus den einstigen Einzelgrundstücken mit den Hausnummern 71, 72, 73, 74 und 75 nun eine x-beliebige Nummer machen? Der Senatsbaudirektor Stimmann wusste bereits im September 1995 und lange vor der Fertigstellung zu formulieren, dass es „fraglich bleibt, (ob) die Friedrichstraße, als auch die zahlreichen Höfe und vor allen Dingen die unterirdische Mall der Friedrichstadt-Passagen zu beleben“ ist?

In Berlin wie anderswo auch kristallisieren sich heute zwei Probleme heraus, auf die weder die Politik noch die Architektenschaft eine befriedigende und menschliche Antwort weiß: Die Architektur und die Nutzung. Weil hier mit der Wiedervereinigung auch städtebaulich wieder zusammenwachsen muss, was einst zusammengehörte, ist das eine nicht vom anderen zu trennen ist. Der Zusammenhang zwischen Nutzung und Architektur tritt bei steigenden Boden- und Baupreisen immer offener zu Tage. Das Schlimme dabei ist, dass sich der Architekt gerade denjenigen Investoren beugt, die in ihren Residenzen am Taunus, am Killesberg oder auch in Dahlem so oft den Verlust an Kultur und Geist in dieser Republik beklagen. Dennoch lassen sie in Berlin Straßen und Plätze, Malls und Innenhöfe, Häuser und Bauten schaffen, die austauschbar irgendwo auf der Welt stehen könnten. Die Stadt verliert das Typische, ihre Persönlichkeit und auch ihr Gesicht.

Das alles hatten wir doch schon einmal. Als der hintergründige Siegfried Kracauer für die „Frankfurter Zeitung“ im Jahre 1930 durch die Friedrichstraße schlenderte und Abschied von der aufpolierten Lindenpassage nahm, fand er „Stapelware“ vor und die Gegenstände nur noch mit „Stummheit geschlagen. Scheu drängen sie sich hinter der leeren Architektur zusammen, die sich einstweilen völlig neutral verhält und später einmal wer weiß was ausbrüten wird - vielleicht den Fascismus oder auch gar nichts. Was sollte noch eine Passage in einer Gesellschaft, die selber nur eine Passage ist?“

Die beiden Deutschlands haben aus ihrer Geschichte offensichtlich nichts gelernt. Was im Westen an Trümmern abgeräumt und an Neuem schnell aufgebaut wurde, hat man im Osten nur wenig später blockmäßig bereinigt. Menschlicher sind die Städte hüben wie drüben nicht geworden. Wo mit der Wiedervereinigung ein vielversprechender Neuanfang hätte beginnen können, und wer bestreitet, dass hier wie da Ideen und Geist nicht vonnöten gewesen wären, wurde zuerst die Einheit und dann die Hauptstadt verwurschtelt.

Die Friedrichstraße war, abgesehen von ihren Höhenflügen zur Jahrhundertwende und in den Zwanziger Jahren, bis weit in die letzten Atemzüge des Sozialismus hinein vom Check Point Charlie bis zum Oranienburger Tor bei allem Fragmentarischen, bei aller Kaputtheit, bei allen Bauverfehlungen auch der DDR-Zeit, eine durchaus lebendige Straße. Sie ist es noch immer in jenem Teilabschnitt zwischen Bahnhof Friedrichstraße und Oranienburger Tor, an dem sich die große Koalition von CDU und SPD noch nicht verwirklicht hat.

Was aber zwischen Unter den Linden und Leipziger Straße am Ende der neunziger Jahre entsteht, hat weder etwas mit Berlin noch mit der Friedrichstraße und schon gar nichts mit urbanem Leben zu tun. Wer sich die fertigen Produkte ansieht, kann überhaupt nicht mehr nachvollziehen, warum sich Hans Stimmann für eine „kritische Rekonstruktion“ einsetzte und in dieser Stadt weiterhin über moderne oder historische Architektur gestritten wird.

Für die dreißig Meter hohen Schluchten hinter dem Gendarmenmarkt wurde vor allem aus dem frühen 20. Jahrhundert zusammengeholt, was von heute bis morgen „modern“ sein könnte. Vergleiche hinken immer, aber über einen schnellen Gang durch Paris sind die Politiker, Architekten und Stadtplaner im Prinzip nicht hinausgekommen.

Jean Nouvel's gläserne Galerie Lafayette steht in ihren Grundzügen bereits seit 1987 als „Institut der arabischen Welt“ an der Seine. Was damals als durchsichtiges „Gebäude des Dialogs“ konzipiert wurde, wird Berlin als Vitrine für Fisch und Fleisch verkauft. Erinnern nebenan Fassade, Fenster, Erker, Türme und Struktur nicht an die Luxuswohnungen des Architekten Michel Roux-Spitz, die dieser 1929 am Quai d'Orsay errichten ließ? Und hat man nicht dieses oder jenes bereits am 1932 errichteten Shell-Gebäude von Bechmann und Chatenay in der Rue d'Artois, an den Wohnhäusern von Léon-Joseph Madeline in der Rue de Vaugirard von 1936 und an Louis Faure-Dujarric's aus dem Jahre 1932 stammenden Kaufhaustempel „Aux Trois Quartiers“ am Boulevard de la Madeleine gesehen?

So gesehen hat der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen wohl doch recht, wenn „Berlin damit wieder im Kreise der großen europäischen Metropolen wie London, Paris oder Rom, wie Moskau, Warschau oder Prag steht“.

Ob man nun von Christoph Mäcklers geradezu erdrückenden Lindencorso zurückschreckt, in dem das „Café Bauer“ demnächst Hauptstadtflair ausstrahlen soll, sich überlegt, ob man in der Parzellen suggerierenden Architektur von Kleihues, Kollhoff und Sawade, die doch nichts weiter als ein einziger Investorklotz ist, ein Schnäppchen schlagen oder gar residieren möchte, oder ganz hoch oben bei Fried, Kobb, Pei und Ungers eine der politikdiktierten Wohnungen mieten möchte, die nur noch als Luxusappartements zu haben sind: Modern ist hier nichts, aber Berlin ist weg und Kälte ist da.

Wenn aber schon die Architektur nichts hergibt, der Stadt nimmt, was die Stadt braucht, Straßen zu Schluchten und Quartiere zu Ghettos macht und den Mensch obendrein in den drei Blöcken von Nouvel, Cobb/Freed und Ungers gar in die unterirdischen Passagen zwingen will, kann eigentlich nur noch eine vielschichtige Nutzung „Leben in die Bude“ bringen. Schon aber hört man von den Eigentümern, dass sie die teueren Flächen lieber leer lassen als preiswert zu vermieten und auf die hohen Mieterträge getrost bis zum Einzug der Regierung warten könnten. Und danach? Wird die Mittagspause und das kurze Geschäft am Abend ausreichen, um der Friedrichstraßengegend Leben einzuhauchen?

Als hier noch was los war, eröffnete Max Reinhardt im Oktober 1901 im Hotel Arnim an der Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden das parodistische Theater „Schall und Rauch“. Ein paar Schritte weiter spielten die „Bösen Buben“ vor ausgewähltem Publikum ihre fünf verschiedenen Schlussfassungen von Ibsens „Nora“. In der Kaiser-Passage eröffnete 1907 der Komponist Rudolf Nelson sein Kabarett „Chat Noir“ mit Willi Schaeffers und den Diseusen Käthe Erlholz und Gussy Holl. Im „Lindenkabarett“ grölte Claire Waldoff ihr „Hermann heeßt er“ und Joseph Roth schrieb über „eine Frau, deren erotischer und künstlerischer Reiz aus der übersteigerten Nüchternheit fließt, aus der Prosa des Großstadtlebens, aus der brutalisierten Sphäre der Gefühle, aus der Unerbittlichkeit der Gesetze, welche die Straße beherrschen. Unter Großstadtpflanzen ein Prachtexemplar der Asphalt-Botanik“.

Während im „Rokoko“ in der Friedrichstraße 80 abendlich um halb neun „prominente Frauen“ in den Ring stiegen und im Kabarett „Weiße Maus“ in der Jägerstraße 18 zum „Karneval der süßen Girls“ gerufen wurde, sang im „Admiralspalast“ die so großartige Diseuse Margo Lion „Auf der Gesellschaft trifft die Gesellschaft nur die Gesellschaft, das ist 'ne Gesellschaft. Das plaudert kritisch und plauscht politisch, löst alle Fragen mit Käse im Magen. Da möchte man so gerne mal, wenn alles grade schaut, da möchte man es wagen, da möchte man es sagen, nur ein diskreter eleganter Schrei: Scheiße! Erledigt, vorbei.“

Die Friedrichstraße hat aufgehört zu bestehen. Das heißt, sie bleibt dem Namen nach die Friedrichstraße, aber sie ist doch keine Friedrichstraße mehr. Weil weder heller Travertin noch graugrün geflammter Granit und schon gar nicht der Nouvel'sche Kuppellichtkegel auf Dauer befriedigen, werden sich nun die Investoren etwas für diese architektonische Misere einfallen lassen müssen.

Weil aber auch das „Geheimkabinett des Anatomischen Museums“ nicht mehr da ist, wo „Der Jüngling im Séparée“ und „Das Astloch im Zaun des Damenbades“ für schnelle Abwechslung im Büroalltag sorgten, werden sich die Herren schon dafür in den Gremien einsetzen, dass die Friedrichstraße nicht „Schall und Rauch“ bleibt. Für die Fahrt zum Zoo ins „Erotische Museum“ reicht die Mittagspause kaum aus.

Der rasende Reporter Egon Erwin Kisch wusste es schon immer: „Das Schönste von Berlin ist die Linden-Passage. Das Schönste von der Linden-Passage ist das Passagepanoptikum. Das Schönste vom Passagepanoptikum ist das Anatomische Museum. Das Schönste vom Anatomischen Museum ist das Extrakabinett. Das Schönste vom Extrakabinett ist - pst!“ Die Friedrichstraßengegend ist weit davon entfernt.

Berlin, 11. Juli 2004