Der vornehmste öffentliche Stadtraum

Die Schönheitskur für den Boulevard Unter den Linden ist im Gang. Die Fahrbahnen werden schmaler, die Gehwege breiter, die Parkplätze auf dem Mittelstreifen verschwinden und die Peitschenleuchten werden durch historisierende Kandelaber ersetzt. Fürs Flanieren sorgen Plattenbahnen aus grauem Granit. Das alles dient dem guten Zweck, das „Forum Fridericianum" wieder als „vornehmsten öffentlichen Stadtraum" erlebbar zu machen.


 Foto: Max Missman, 1905

Mitte des 18. Jahrhunderts wollte Friedrich der Große zwischen Linden und Behrenstraße das Zentrum der preußischen Monarchie entstehen lassen. Groß waren die Pläne, Wissenschaft, Kunst, auch ein neues Schloss, wesentlich kleiner wurden sie Realität. Als erster Bau entstand 1741 das Opernhaus, der „neueste, längste und breiteste“ Theaterbau und mit zweitausend Plätzen der größte in Europa obendrein. In der Tat hatte Baumeister Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff mit diesem „korinthischen Tempel“ Maßstäbe gesetzt: Er kehrte dem gängigen Barock den Rücken und bereitete den Boden für den Klassizismus.

Weil im toleranten Preußen schließlich „jeder nach seiner eigenen Façon selig werden" sollte, schenkte der protestantische König der katholischen Gemeinde ein Grundstück hinter der Oper. Mit Spenden aus ganz Europa wurde zwischen 1747 und 1773 die Hedwigskirche im Stil des römischen Pantheon verwirklicht. Die Bauaufsicht für den in die Ecke gedrängten und schräg zum Platz stehenden Bau übertrug der König Johann Boumann d. Ä., der zuvor den ersten Berliner Dom am Lustgarten geschaffen hatte, ein Gotteshaus, das Kronprinz Friedrich Wilhelm allerdings an „eine im Krieg verunglückte Orangerie“ erinnerte.

Mit dem Stadtpalais für seinen Bruder gelang auf der Nordseite der architektonische Abschluss: „1749, den 8. May. Ist des Printz Heinrich Palais der Grundstein gelegt worden.“ Weil Herr und Haus „eine Frau guttun wird“, arrangierte der Alte Fritz für den „eingefleischten Frauenfeind“ die Trauung mit Wilhelmine von Hessen-Kassel, zu der Heinrich mit „düsterer Miene wie zum Opferaltar“ geführt wurde. Nach dem Einzug fanden hier jene betuschelten Bälle statt, auf denen „Prinz Heinrich als Sklavenmädchen auf dem Markte“ tanzte. Nach seinem Tod wurde aus dem Palais 1810 die Friedrich-Wilhelm-Universität.

Als letzter Bau wurde 1780 an der Westseite die Königliche Bibliothek fertig. Friedrich II. setzte dafür einen alten Entwurf von Joseph Emanuel Fischer von Erlach für den Michaelertrakt der Wiener Hofburg durch. Entstanden ist daher ein neobarockes Gebäude, dessen bauchige Fassade mit Säulen, Pilastern und dem Dekor der Attika in starkem Kontrast zu den symmetrischen Umrissen des Opernhauses steht. Für die Berliner: Die Kommode.

Es gehört zu den Merkwürdigkeiten, daß über die Südseite des Forum Fridericianum zumeist geschwiegen wird. Das wird sich demnächst wohl ändern. Sicher, das Gebäude ist jünger, nicht vergleichbar mit der Knobelsdorffschen Oper, aber als Bauwerk der wilhelminischen Ära gehört es zu den architektonischen Raritäten der Hauptstadt. Weil ausgerechnet ein Brite davon überzeugt ist, daß sich „Berlin in der Entwicklung befindet“, und daher „die Chance hat, genauso viele Besucher zu haben wie London oder Paris“, bringt der Hotelier Sir Rocco Forte mit seinem „Hotel de Rome“ neues Leben in das alte Gewand der Häuser Behrenstraße 38 und 39.

Im Rücken dieser Gebäude und schon an der Ecke Hedwigkirchgasse und Französische Straße 35 eröffnete die Dresdner Bank 1881 eine Filiale. Da das Geschäft dieser Niederlassung schnell das der Zentrale in Dresden übertraf, verlegte die Geschäftsleitung 1884 ihren Sitz nach Berlin. Sie kaufte die Grundstücke Behrenstraße 38/39 und ließ von Hofbaurat Ludwig Heim zwischen 1887 und 1889 Zweigstelle und Haupthaus im Stil der römischen Hochrenaissance errichten: Mit Kolossalsäulen, die bisher Schlössern, Ministerien und Kirchen vorbehalten waren, mit einem Fries über dem Obergeschoß, mit Atlanten, Balustraden und Skulpturen auf dem Dach demonstrierte das Bürgertum am Ende des 19. Jahrhunderts auch seinen gesellschaftlichen Anspruch.

In den Jahrzehnten danach brachte das Bankhaus das gesamte Carrée zwischen Behren-, Markgrafen-, Französischer Straße und Hedwigskirchgasse in seinen Besitz: Zwei barocke Wohnhäuser, die Gebäude der Pommerschen Hypotheken-Aktienbank und der Immobilien-Verkehrsbank, die Grundstücke der General-Intendantur der Königlichen Schauspiele und des Möbelhauses Pfaff. Parallel dazu erfolgten Um-, Aus-, Auf- und Neubau.

Hatte der erste Bau in seinen Proportionen noch die historische Umgebung respektiert, so sprengte der Architekt Bruno Möhring 1923 mit der Aufstockung um drei Stockwerke jede Maßstäblichkeit. Die Bank überragte Oper, Bibliothek, Universität und das Schloß auf der Spreeinsel. Das Forum Fridericianum war aus dem Gleichgewicht. Stadtbaurat Ludwig Hoffmann, Mitglied der Akademie der Künste, hatte den Aufbau noch vor seiner Pensionierung sanktioniert. Die Entrüstung war enorm.

Während aus den Bauten des 18. Jahrhunderts mit dem Weltkrieg Ruinen wurden, blieb die Dresdner Bank so weit erhalten, dass 1946 der Landesvorstand der SED Quartier nehmen konnte. Der Bauhausschüler, Architekt und Kommunist Richard Paulick nutzte den Wiederaufbau des Opernhauses für die Korrektur der städtebaulichen Sünden. Er ließ die entstellenden und bedrängenden Aufstockungen abreißen und das vom Platz aus sichtbare oberste Geschoß weit hinter die Dachbalustrade zurücksetzen. Dafür erhielt er vom „Spiegel" damals den anerkennenden Titel „Roter Schlüter".

In den sechziger Jahren zog die SED aus und die „Staatsbank der DDR“ ein. Als diese nicht mehr existierte, versuchte die Dresdner Bank, die Enteignung von 1945 rückgängig zu machen. Vergeblich. Jahre vergehen. Welch Glück, denn allmählich wurde der Öffentlichkeit bewusst, welches architektonische Juwel sich da erhalten hat. Mit „Lola rennt” und dem Banküberfall von Franka Potente wurde die imponierende Fassade bekannt, mit dem Projekt „staatsbankberlin“ öffneten sich die Türen. Dahinter sah man quergedachte Kunstpräsentationen, vor allem aber, dass die Innenarchitektur der Gründerzeit auch die DDR überlebt hat.

Parallel dazu lief der Poker. Die „Hochtief Projektentwicklung Berlin“ erhielt 2003 von der Oberfinanzdirektion Berlin den Zuschlag zum preiswerten Kauf des Gesamtareals, weil diese mit vagen Ideenskizzen und keinesfalls festgezurrten Plänen die denkmalgerechte Sanierung in den Vordergrund ihrer Bewerbung stellte. So wurden aus 7.070 Quadratmetern Grundfläche mit dem Neubau an der Ecke zum Gendarmenmarkt nebst Rekonstruktion und Aufbauten von Behren-Palais, Markgrafen-Palais und dem Bankgebäude 30.600 Quadratmeter zu vermarktende Mietfläche für Hotel, Büros und Wohnungen.

Die Entscheidungen sind unter der Ägide von Stadtentwicklungssenator Peter Strieder getroffen worden. Es ist bei diesem exponierten Bau allerdings kaum vorstellbar, daß seine Mitarbeiter, Senatsbaudirektor Hans Stimmann und Landeskonservator Jörg Haspel, nicht involviert waren. Nun, das ist das Traurige an der Geschichte, müssen sie sich fragen lassen, warum sie den Architekten Richard Paulick „verraten“ und den allerneuesten, zwar zurückgesetzten, aber doch vom Platz aus deutlich sichtbaren Dachaufbauten zugestimmt haben.

Es verwundert nicht, daß Hochtief den attraktivsten Gebäudeteil „bereits vor Baubeginn an die Commerz Grundbesitz Investmentgesellschaft mbH Wiesbaden“ (wieder) verkaufen und an das „Sir Rocco Forte & Family Hotel Management Ltd.“ verpachten konnte. Dieses wird nach der „Villa Kennedy“ in Frankfurt am Main und vor dem Münchner „König Ludwig“ zwischen Frühjahr und Herbst 2006 im Bankhaus das „Hotel de Rome“ eröffnen. Allein die von diesem Imperium betreuten Luxushotels „The Balmoral“ in Edinburgh, „Le Richemond“ in Genf und das „Château de Bagnols“ machen deutlich, was die Hauptstadt demnächst erwarten kann. Wenn Rocco Forte in Kenntnis der Berliner Überkapazitäten spitzfindig meint, dass „viele Reisende Städte wie London und Paris ja schon sehr gut kennen“, muss er sich mit seiner Nobelherberge ziemlich sicher sein. Immerhin sind mit dem Namen dieses Hoteliers der alten Schule 14 wohlfeile Hotels in Belgien, England, Frankreich, Italien, Russland und der Schweiz verbunden.

Für „Adlon“, „Ritz-Carlton“ und „Regent“, obwohl an besonderen Orten gelegen - Brandenburger Tor, Potsdamer Platz, Gendarmenmarkt - brechen noch schwierigere Zeiten an. Die Entscheidung ist für den Gast ganz einfach: Warum eine Kopie, wenn das Original zu haben ist. Warum in mehr als fragwürdigen Paramount-Imitationen vom „alten Europa“ absteigen, wenn im „Hotel de Rome“ neben dem Zimmer mit Aussicht auf das Forum Fridericianum innen und außen der gerettete Charme des 19. Jahrhunderts zu haben ist?

Hier gab es „5 Kassenhallen, 14 Tresorräume, 3 Silberkassen, eine eigene Schlosserei und sogar ein Reisebüro. Die Kassenhallen waren mit Granitsäulen, Sandsteingliederungen und Stuckmarmor reichlich geschmückt. In den Mosaikeinlagen der Fußböden waren die vier Hauptstandorte der Bank, Berlin, Dresden, Bremen und London, verewigt worden. Für die Büros der Direktoren benötigte man fast die gesamte erste Etage. 2000 Menschen arbeiteten hier. Tausende von Kunden drängten jeden Tag in die vier Haupteingänge“.

Hätte Franka Potente bei ihrem Geldraub die Tür einen Spalt weiter geöffnet, hätten wir im Kino ein innenarchitektonisches Kleinod bewundern können. Damals schon hätten wir eine Diskussion über die Ästhetik der Hotelinnenarchitektur beginnen können. Einiges an Berliner Hotelkitsch wäre uns erspart geblieben. Vielleicht. Nun aber bleibt es dem Projektmanager Thorsten Bischoff und dem auf denkmalgerechte Sanierung spezialisierten Architekten Georg Wasmuth vorbehalten, diese restaurierte Antiquität zu präsentieren.

Während Hochtief das Haus noch als Grand Hotel offeriert, was sich wohl in Anbetracht der noch nicht vermieteten 12.300 Carrée-Quadratmeter besser macht, hat sich Sir Rocco Forte längst für den schlichten Titel Hotel entschieden. Man zeigt eben nicht, was man hat, und daher gibt es auch weder Vorfahrt noch Vordach. Vom Bürgersteig der Behrenstraße führen wenige Stufen hinein. Drinnen offenbart sich auf Anhieb einer jener (lange Zeit belächelten) Palaces, wie sie einst Cäsar Ritz mit dem „Ritz“ an der Place Vendôme, Johannes Baur mit dem „Baur au Lac“ in Zürich oder Adolf-Rudolf Armleder mit dem Genfer „Richemond“ kreiert haben.

Hoch und breit sind die Räume und weit in die Tiefe geht der Durchblick. Vom Hoteleingang in der Behrenstraße bis zur Französischen Straße reihen sich die Säle hintereinander auf. Aus zwei „Kassenhallen“ und der „Wechselstube A“ werden Lobby Court, Opera Court und Palm Court, eine Raumflucht mit glasgedeckten originalen Lichthöfen, die das Spiel von Licht und Schatten gratis liefern./span>

Hotels müssen eben auch Theater sein. Die Gäste übernehmen die Rollen, das Personal stellt die Bühnenarbeiter, der Hotelier ist regieführender Theaterdirektor und das Haus fungiert als Kulisse. Die faszinierendste liefert zweifellos die komplett erhaltene Wechselstube, die nun als Restaurant oder Ballsaal zum Palm Court wird: Über zwei hohe Altbaugeschosse ragt der Saal auf (Wo gibt es das sonst noch?), der Boden aus Terrazzo mit Mosaikeinlagen, oben aber ringsum eine begehbare offene Galerie mit Sandsteinbalustraden und Rundbogenöffnungen, von deren Gängen die Gästezimmer abgehen. Um unten das Treiben und oben die Ruhe zu garantieren, wird diese Attraktion nun leider einfach zugemauert. Vom Bauherr und auch vom Betreiber hätte man sich ein Mehr an Sensibilität und Einfall gewünscht. Geld dürfte bei dieser erstrangigen baulichen Feinheit keine Rolle spielen.

Dort hinauf gibt es natürlich Fahrstühle. Empfohlen wird allerdings der Aufstieg über herrliche Treppenhäuser mit schmiedeeisernen Geländern und Wandverkleidungen mit Fliesen und Marmor. Von großzügigen Gängen mit Tageslicht gehen die Zimmer und Suiten ab. „Leider konnte nur ein Drittel der Raumdecken gerettet werden, weil die Bauaufsicht beim Rest auf Brandschutzschicht nach F 90 bestanden hat. Mit dem Argument, ich habe hier eine wunderbare Kassettendecke“, kam Wasmuth manchmal nicht weiter.

Sein Credo: „Wir wollen dem Haus nicht die Geschichte, nicht die Patina nehmen.“ Daher erstrahlt manches wieder im aufgearbeiteten alten Glanz, die „Renaissance-Suite“ zur Hedwigskirchgasse ganz in Mahagoni, die Vierfachtür mit Lederpolsterung für die Forum-Suite, der Deckenstuck allüberall, der von sieben Farbüberstrichen befreit werden muß. Erhalten geblieben ist auch einiges an farbigem Stuckmarmor, aber, da kommt doch der Italiener durch, „Rocco Forte will davon nicht zu viel haben“. Georg Wasmuth sorgt nun dafür - wie zu DDR-Zeiten sein Kollege Richard Paulick mit den Sandsteinsäulen im jetzigen Küchentrakt -, dass diese handwerklich hervorragend hergestellte Kunst hinter gemauerten Umbauungen der Zeit danach dennoch erhalten bleibt.

Wenn das Leben im Hotel erträglich sein soll, dürfen sich die Gäste auf ihren Zimmern nicht zu Tode langweilen. Dafür sorgen der nicht unumstrittene Innendesigner Tommaso Ziffer und Rocco Fortes Schwester Olga Polizzi. Nach ihren Entwürfen richtet Hochtief in einer Lagerhalle immer mal wieder und zur eigenen Absicherung komplette „Schauräume“ ein, in denen gesessen, abgewogen, geändert und wohl mitunter auch eine Einrichtung beschlossen wird. Wenn dieses Ambiente den späteren Gast dann doch nicht hält, fährt er in den Keller. Dort findet er neben dem üblichen Schnickschnack an Beauty, Wellness, Fitness und Spa auch den Pool. Der ehemalige Schmucktresorraum mit einer von acht Marmorsäulen getragenen Kassettendecke überwältigt den Betrachter, die von Hochtief akzeptierte bauliche Lösung nicht, weil sie dem Raum nicht das zugesteht, was dieser gebraucht hätte.

Wer dem zustimmen kann, entscheidet sich besser für die Dachterrasse, weil es in der Hauptstadt vergleichbares nicht gibt. Das ganze preußische Zentrum liegt zu Füßen, Oper, Hedwigskathedrale, Universität, Bibliothek, demnächst auch das restaurierte „Palais des Kaisers Wilhelm“, in das der Hohenzoller am 15. März 1890 seinen Kanzler aus dem Bett zitierte. Das Gespräch war kurz und bündig: „Der Befehl meines Kaisers endet am Salon meiner Frau.“ Drei Tage später war Bismarck entlassen.

Der Platz davor, 1911 Kaiser-Franz-Joseph-Platz, 1928 Opernplatz und ab 1947 Bebelplatz, einst von Peter Joseph Lenné mit feinen Grünanlagen bedacht, mußte mehr als eine Schönheitskur über sich ergehen lassen. Unten eine Tiefgarage, oben eine steinerne Fläche mit chicen Leuchten, mehr tot als lebendig. In seiner Mitte ließ Goebbels am 10. Mai 1933 Bücher verbrennen: „Gegen Dekadenz und moralischen Verfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat!“ Erich Kästner „war der einzige der Vierundzwanzig, der persönlich erschienen war, um dieser theatralischen Frechheit beizuwohnen. Ich sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners. Begräbniswetter hing über der Stadt“. Auch das gehört zum „Forum Fridericianum".

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17. November 2005


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