Erinnerungen
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. (Jean Paul)

Arthur Julius Barth

Eine späte Begegnung

Den Städtetellern meiner Großmutter konnte ich nie etwas abgewinnen, auch dann nicht, als sie betonte, daß diese aus Meißner Porzellan seien. Erst während des Studiums fand ich - mehr aus Zufall denn aus Interesse - heraus, daß die Ansichten von Meißen, Dresden, Moritzburg, Annaberg, Freiberg, Pillnitz, Bautzen, Chemnitz, Augsburg, Baden-Baden, Plauen oder Zwickau von Arthur Julius Barth stammen. Jahrzehnte später bin ich dem Porzellanmaler dann doch noch begegnet, nicht in persona natürlich, denn inzwischen weilt er seit achtzig Jahren nicht mehr unter uns.

Arthur Julius Barth, so erzählt man, soll sich eine Lebensmittelvergiftung zugezogen haben, an der er letztendlich am 17. Juli 1926 verstarb. Zwei Tage später wurde er auf dem Friedhof in Bergholz-Rehbrücke beigesetzt. Die Suche nach seinem Grab erübrigt sich allerdings, da dieses längst eingeebnet wurde. Grund genug, den (Porzellan-)Maler und Graphiker wieder in Erinnerung zu rufen.

Nicht weit von diesem Totengarten hatte er sich mit seiner Frau Anna Marie geborene Wilckens in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg ein Haus bauen lassen, im Erdgeschoß ein Musikzimmer für sie, im Obergeschoß ein Atelier für ihn. In Potsdam war er Mitglied des Kunstvereins geworden, in den Räumen der Kunsthandlung Heidkamp traf er sich mit Kollegen. In diesen Jahren fertigte er zur Freude der kaufwütigen Touristen eine Vielzahl kleinformatiger Zeichnungen der Sehenswürdigkeiten von Potsdam, Sanssouci, Dorf Bergholz und Villenkolonie Rehbrücke an.

Über diese kommerzielle Seite seines künstlerischen Schaffens wird oftmals übersehen, daß Arthur Julius Barth am Anfang des 20. Jahrhunderts zu jenen Meistern gehörte, die eine (damals dringend notwendige) strukturelle und künstlerische Erneuerung der Königlichen Porzellanmanufaktur Meißen durchsetzten. Dazu gehörte zweifellos mit dem „Scharffeuerbrand“ und seinen neuen Farben und Glasuren auch die Einführung zeitgemäßer Technologien.

Mit Meißen und seiner Manufaktur war Barth seit frühester Jugend verbunden. Dort wurde er am 22. November 1878 geboren, dort wurde er mit achtzehn Jahren in die Zeichenschule der Königlichen Porzellanmanufaktur Meißen aufgenommen und an die traditionelle Landschafts- und Blumenmalerei der Manufaktur herangeführt. Eigene Entwürfe und deren selbständige Ausführung von zeitgemäßen Porzellandekorationen kamen hinzu. Nach der Ausbildung als Figurenmaler studierte er - mit einigen Unterbrechungen - letztendlich bis 1906 an der Königlichen Kunstakademie Dresden.

Barth, so fassen es Kunsthistoriker zusammen, erschloß der sogenannten Blaumalerei neue Ausdruckformen. In seinem Manufakturatelier entstanden nach 1911 zahlreiche Geschirrformen und Dekorationsmotive. Mit einer Ansicht des Meißner Doms auf Porzellan schuf er das (später von anderen Porzellanfabriken nachgeahmte) Muster des einst auch von meiner Großmutter geliebten Städtetellers.

Als er 1914 Manufaktur und Meißen endgültig in Richtung Mark Brandenburg verließ, konzentrierte sich sein Schaffen auf Radierungen, Lithographien und Kohlezeichnungen. In Potsdamer Ausstellungen der folgenden Jahre waren unter anderem seine Radierung „Saarmunder Chaussee“ und sein Ölgemälde „Winter in Rehbrücke“ vertreten.

Acht Jahre nach seinem Tod präsentierte der Potsdamer Kunstverein in seiner Jubiläumsausstellung „Potsdam als Künstlerstadt“ auch die Arbeiten seines ehemaligen Mitglieds, darunter die Gemälde „Am Wilhelmplatz“ und „Burg Dornburg an der Saale“. Nicht nur für den Verein war Arthur Julius Barth „ein Meister, unermüdlich schaffend, nicht bloß in der Erfassung der Landschaft, sondern auch in phantasievollen und gedanklichen Schöpfungen“.


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