Erinnerungen
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. (Jean Paul)

Elisabeth Baronin von Ardenne

Vor 55 Jahren starb „Effi Briest“

Romanvorlage Baronin von Ardenne liegt in Stahnsdorf begraben

STAHNSDORF Effi Briest war Elisabeth Baronin von Ardenne, geborene Freiin und Edle von Plotho. Eigentlich ist es nicht zu glauben, dass Theodor Fontanes Vorbild für den Roman „erst“ vor 55 Jahren verstorben ist. Die Dame wurde am 26. Oktober 1853 auf Gut Zerben bei Parey geboren. Mit 19 (nicht mit 17 wie bei Fontane) willigte sie in die Ehe mit Armand Léon Baron von Ardenne ein. Das „Verhältnis“ mit dem Amtsrichter Emil Hartwich hatte sie nicht nach einem, sondern nach zwölf Ehejahren. Ihr Mann erschoss den Liebhaber nicht später, sondern als die Beziehung noch andauerte. Nach der Scheidung 1887 wurde die Frau berufstätig und zog sich keineswegs aus dem Leben zurück. Gestorben ist sie dann am 4. Februar 1952 im Alter von 98 Jahren in Lindau am Bodensee. Ihre letzte Ruhe fand sie auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf, Block Trinitatis, Gartenblock V, Erbbegräbnis 112a.

Elisabeth war das jüngste von fünf Kindern. Sie wuchs ungezwungen auf und tollte gern mit den Jungs umher. 1871 verlobte sie sich mit Ardenne. 1873 fand die Hochzeit statt. Das Paar zog nach Berlin. Ardenne absolvierte die Militärakademie und wurde 1877 nach Düsseldorf versetzt. Dort versammelten sie einen Kreis von Menschen um sich, darunter den Amtsrichter Emil Hartwich. Zwischen ihm und Frau von Ardenne entwickelte sich eine Freundschaft. Neben ihrer Neigung für das Theaterspiel verband sie der Umstand, daß beide keine glückliche Ehe lebten.

Als Ardenne 1884 nach Berlin versetzt wurde, setzte sich der Kontakt zwischen Effi und Emil fort. 1886 entschlossen sich beide, sich von ihren Ehegatten scheiden zu lassen und einander zu heiraten. Der argwöhnisch gewordene Ardenne erbrach eine Kassette mit den vertraulichen Briefen. Er reichte mit den „Beweisen“ die Scheidungsklage ein und forderte zum Duell, das Hartwich nicht überlebte. Die Ehe wurde geschieden. Ardenne starb im Jahre 1919 in Berlin. Elisabeth widmete sich der Krankenpflege.

Theodor Fontane erfuhr von der Geschichte und begann 1888 mit den Vorarbeiten. Der Roman erschien 1895. Es lag nahe, dass er mit Rücksicht auf die Privatsphäre der Beteiligten absichtlich Details änderte. Schwerwiegender aus heutiger Sicht ist, dass Fontane vor allem mit dem Bild und der Rolle Effis den gesellschaftlich brisanten Momenten des Stoffes auswich.

Fontane deutet in seinemRoman ein Thema nur an, ein Brief der Mutter an Effi: „Du wirst Dich auf Dich selbst stellen müssen und darfst dabei, soweit äußere Mittel mitsprechen, unserer Unterstützung sicher sein. Du wirst am besten in Berlin leben (in einer großen Stadt vertut sich dergleichen am besten) und wirst da zu den vielen gehören, die sich um freie Luft und lichte Sonne gebracht haben. Du wirst einsam leben und, wenn Du das nicht willst, wahrscheinlich aus Deiner Sphäre herabsteigen müssen. Die Welt, in der Du gelebt hast, wird Dir verschlossen sein. Und was das traurigste für uns und für Dich ist – auch das elterliche Haus wird Dir verschlossen sein: denn es hieße das, dies Haus von aller Welt abschließen, und das zu tun, sind wir entschieden nicht geneigt. Nicht weil wir zu sehr an der Welt hingen und ein Abschied nehmen von dem, was sich Gesellschaft nennt, uns als etwas unbedingt Unerträgliches erschiene; nicht deshalb, sondern einfach, weil wir Farbe bekennen und vor aller Welt, ich kann Dir das Wort nicht ersparen, unsere Verurteilung Deines Tuns, des Tuns unseres einzigen und von uns so sehr geliebten Kindes, aussprechen wollen.“

Die Geschichte von Effi Briest – oder zutreffender von Elisabeth Baronin von Ardenne – wurde inzwischen viermal verfilmt. Den Anfang machte 1939 Regisseur Gustaf Gründgens mit dem Film „Der Schritt vom Wege“ und Marianne Hoppe als Effi. Unter der Regie von Rudolf Jugert kam 1955 „Rosen im Herbst“ mit Ruth Leuwerik in der Hauptrolle in die Kinos. 1968 bemühte sich Angelica Domröse um „Effi Briest“ in einem DEFAFilm von Wolfgang Luderer. Eine ganze besondere Nachhaltigkeit erzielten 1974 Rainer Werner Fassbinder und Hanna Schygulla. Fassbinder setzte den ausschließlich originalen Dialogen und Kommentaren die Abkehr von der historischen Situation des späten 19. Jahrhunderts entgegen und ließ damit deutliche Bezüge zur Gegenwart entstehen. Sein Film heißt „Fontane Effi Briest oder Viele, die eine Ahnung haben von ihren Möglichkeiten und Bedürfnissen und dennoch das herrschende System in ihrem Kopf akzeptieren durch ihre Taten und es somit festigen und durchaus bestätigen“.


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