Erinnerungen
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. (Jean Paul)

Erwin Barth

Kennwort: Kein Park

Deutsch-Wilmersdorf schied am 1. April 1907 aus dem Kreis Teltow aus. Der selbstständige Stadtkreis nannte sich ab 1912 Berlin-Wilmersdorf. Acht Jahre später verabschiedete der Preußische Landtag das „Gesetz über die Bildung einer neuen Stadtgemeinde Berlin“. Am 1. Oktober 1920 wurde die Stadt Wilmersdorf mit ihren 139.468 Einwohnern 9. Bezirk von Groß-Berlin.

Kurz zuvor hatte Berlin-Wilmersdorf noch einen „Wettbewerb zur Erlangung von Entwürfen für einen in Stahnsdorf geplanten Friedhof“ ausgeschrieben. Dieser war notwendig geworden, „da die Sterblichkeit so groß war, dass der innerstädtische Friedhof in der Berliner Straße voraussichtlich schon in einem Jahre voll belegt sein wird“. Den 1. Preis für die Gestaltung der knapp siebzig Hektar gewann der Charlottenburger Gartendirektor Erwin Barth mit dem Konzept „Kein Park“. Die entfernte Lage am Teltowkanal war nicht gerade ideal, aber akzeptabel, da es seit dem 3. Juni 1913 eine „Friedhofsbahn“ gab. Am 16. September 1921 fand auf dem „Wilmersdorfer Waldfriedhof Stahnsdorf“ die erste Beisetzung auf einem Friedhof statt, dessen Betreibergemeinde nicht mehr existierte.

Der „Gärtner“ Barth erreichte im Kaiserreich und der Weimarer Republik beste Positionen. Er lehrte den Architekturstudenten der Technischen Hochschule Charlottenburg Landschaftsgestaltung, wurde Stadtgartendirektor der Reichshauptstadt und schließlich erster Ordinarius des Lehrstuhls für Gartenkunst an der Landwirtschaftlichen Fakultät. Damit erfuhr die 1824 von Peter Joseph Lenné begründete „Königlich Preußische Gärtner-Lehranstalt“ endlich die überfällige Aufwertung - eine akademische Ausbildungsstätte für Gärtner.

Erwin Barth hatte diese Schule absolviert. Nach Tätigkeiten als Gartentechniker in Hannover, Bremen und Düsseldorf wurde er 1908 Lübecker Stadtgärtner. Vier Jahre später berief ihn die Stadt Charlottenburg zum Gartendirektor, großzügige Zusagen inklusive, Erlaubnis für private Nebentätigkeiten, Entnahme von Produkten der städtischen Anzuchtstätten, beschränkte Viehhaltung für persönliche Zwecke in den Betrieben des Gartenamtes. 1929 wurde er Stadtgartendirektor von Groß-Berlin.

Als Planer für den städtischen Freiraum schuf er Parks und Plätze, die noch heute das Stadtbild prägen: Genannt seien Wittenbergplatz, Savignyplatz und der Park am Lietzensee. Er gestaltete grüne Oasen in der dicht bebauten Großstadt. In den Volksparks Jungfernheide und Rehberge verband er eine Parklandschaften mit Einrichtungen für Spiel und Sport. „Wenn irgendwo eine reiche Ausstattung der Plätze mit verschwenderischer Blumenfülle, mit Brunnen und dergleichen angebracht ist, so ist es da, wo Leute wohnen. In dem Sinne ist Blumenschmuck kein Luxus. Er kann von großer, sozialer Bedeutung sein.“

Erwin Barth hat wohl jene Misere geahnt, mit der wir zu Beginn des 21. Jahrhunderts konfrontiert werden. Schon 1920 kam er auf den Gedanken, dass „die anhaltende schlechte Finanzlage dazu zwingt, mit dem Luxus zu brechen, welcher sich auf dem Gebiete der Friedhofsgestaltung und -unterhaltung sowie der Grabmalkunst entwickelt hat. Die ganze Anlage muß so eingerichtet sein, dass sie späterhin auch dann noch einen würdigen Eindruck macht, wenn sie nur in denkbar einfachster Form unterhalten wird oder zum Teil sich selbst überlassen ist“.

Die Wilmersdorfer Gemeindevertreter hatten bereits in ihrer Ausschreibung betont, dass die endgültige „Ausführung erst in Jahrzehnten und stückweise geschieht. Die Anlage muß einfach und würdig sein, der Eindruck einer öffentlichen Parkanlage ist zu vermeiden“. Barth übernimmt diese Formulierungen und wählt für seinen Beitrag das Kennwort „Kein Park“. Mit seinem glanzvollen Entwurf eröffnete er zugleich auch eine Diskussion über die Gestaltung von Bestattungsflächen. Seine Kritik am benachbarten „Irrgarten“ des Südwestkirchhofs ist deutlich: „Die bisherigen Waldfriedhöfe leiden fast durchweg an dem Fehler, daß ihnen zur klaren Orientierung eine gerade Hauptachse fehlt. Geschwungenen Wegen kann man meistens nur dann eine Berechtigung zuerkennen, wenn die Höhenlage des Geländes eine solche bedingt“.

Schaut man sich den Grundriss des Wilmersdorfer Waldfriedhofs an, dann schreckt sein über die Landschaft gelegtes Raster erst einmal ab. Damit aber sein stereotypes System mit Haupt- und Nebenwegen abwechslungsreich bleibt, verschiebt er an den Kreuzungspunkten die Wegfluchten. Tritt man aber durch die beiden Torhäuser, dann macht allein schon der Blick auf die von Bäumen und Büschen umhüllte Kapelle diese Struktur sofort vergessen. Die Überraschung auf dem so gar nicht eintönigen Areal ist zweifellos das langgezogene Tal, das der Anlage etwas unverwechselbares gibt. An dieser quer zur Achse liegenden Senke läßt Barth den Hauptweg über eine verklinkerte Bogenbrücke verlaufen, durch die sich ein schmaler Flanierweg schlängelt. Das alles wirkt natürlich und selbstverständlich, und es macht deutlich, mit welcher Überlegtheit dieser Gartenarchitekt bleibende Landschaftsräume geschaffen hat.

Nicht vorstellbar wäre allerdings, wenn die Wilmersdorfer Vorgaben nach einer „weitestgehenden Verwertung des Geländes zu Grabstellen“ Wirklichkeit geworden wären. Auch nach Jahrzehnten sind nur zehn Prozent der Fläche in lockerer Folge mit Gräbern belegt, und so kommt es, dass sich dieser angedachte Totengarten eigentlich als eine malerische und idyllische Landschaft präsentiert.

In welcher Weise Barths Grundidee mißverstanden wurde, führen jene Bestattungsflächen vor, die während der Mauerjahre im Westen Berlins geschaffen wurden. Bei allen Forderungen nach Effizienz wurde auf dem Wilmersdorfer Waldfriedhof Stahnsdorf immer Wert darauf gelegt, dass der „künstlerische Eindruck nicht beeinträchtigt“ wird. Barth schießt allerdings über das Ziel hinaus, wenn Grabsteine „einen gewissen Gleichklang in Höhe, Form und Material aufweisen“ sollen. Für ihn war es unvorstellbar, dass diese „in Holz, Schmiedeeisen, Stein oder gar Beton durcheinander stehen“. Vehement wandte er sich gegen „die Einfriedigung von Gräbern, soweit solche nicht durch eine lebende Hecke gebildet wird“. Einzeln stehende Bäume und Gruppen von Sträuchern bringen „genügend malerische Wirkung und Abwechslung hinein. Der Charakter eines Waldfriedhofs kommt durch den Bewuchs zustande“.

Immer wieder aber stehen Rationalität und Effektivität im Vordergrund: Der Haupteingang mit den beiden Torhäuschen sollte in der bescheidenen Form beibehalten werden, weil er wohl „noch auf lange Zeit hinaus ausreichend sein dürfte“. Ständig zu scherende Hecken sind zu vermeiden, heimische Gewächse zu verwenden und Grabhügel so niedrig wie möglich anzulegen. Auch ein eigener Gleisanschluß von der Friedhofsbahn zum Transport der Särge von Wilmersdorf auf das Stahnsdorfer Gelände „wird voraussichtlich überhaupt nicht notwendig sein“.

Erwin Barth hatte es vorher noch hieraus geschafft. Weshalb er sich am 8. Juli 1933 in seiner Charlottenburger Wohnung einen Kopfschuß zufügte, konnte bis heute nicht geklärt werden. Zwei Tage später verstarb er im Martin-Luther-Krankenhaus. Die Ausführung seines letzten Entwurfs, der eigene Garten in Steglitz, hat er nicht mehr erlebt. Ob sein Grab nun seinen Wilmersdorfer Waldfriedhof in Stahnsdorf überleben wird?


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