Erinnerungen
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. (Jean Paul)

Georg Graf von Arco

Ein Pionier der Nachrichtentechnik

Zum 65. Todestag von Georg Graf von Arco, dem ersten Direktor von „Telefunken“ / Drahtlose Depeschen von Rangsdorf nach Schöneberg

STAHNSDORF. Am 7. Oktober 1897 sandte Adolf Slaby, Professor für Elektrotechnik an der Technischen Hochschule Charlottenburg, mit Unterstützung seines Assistenten Georg Graf von Arco „von Rangsdorf an der Militärbahn in derNähe von Zossen elektrische Strahlen nach dem Übungsplatz der Luftschifferabtheilung in Schöneberg, die dort durch einen Morse-Apparat aufgenommen wurden“. Die Entfernung beider Stationen beträgt in der Luftlinie 21 Kilometer. Die aufgegebenen Depeschen kamen mit tadelloser Klarheit an. Als vorteilhaft erwies sich, dass die Antennen an Ballonschiffen befestigt und bis zu 300 Metern ausgefahren waren.

Diese Distanz übertraf alle bis dahin per drahtloser Telegraphie erzielten Reichweiten. Für Kaiser Wilhelm II., der die Experimente nachhaltig unterstützt hatte, „ein deutscher Weltrekord“. Dem vorausgegangen waren Versuche von Slaby und Arco an den Havelseen, wo es zunächst nur gelang, über dem Jungfernsee zwischen der Heilandskirche von Sacrow und der Matrosenstation an der Schwanenallee in Potsdam Stromstöße über etwa 1,4 Kilometer durch die Luft zu senden und zu empfangen.

Georg Graf von Arco, der am 30. August 1869 im oberschlesischen Großgorschütz geboren wurde, kam 1889 zumMathematik- und Physikstudium nach Berlin. Nach zwei Semestern entschied er sich für das Militär und wurde bereits 1890 Offizier. Drei Jahre später kehrte er an die TH zurück, wo er bis 1898 Maschinenbau und Elektrotechnik studierte und Assistent von Slaby wurde.

1898 nahm er ein Angebot von Direktor Erich Rathenau im Kabelwerk der AEG an. Dort beschäftigte er sich mit Prüfmethoden für Kabel im Hinblick auf ihren Isolationswiderstand. Da Slaby den Wissenschaftler häufig reklamierte, wurde Arco nebenher auch ein Spezialist der AEG für drahtlose Telegraphie.

Mit dem System „Slaby-Arco“ konkurrierte allerdings zu Beginn des 20. Jahrhunderts das System von Ferdinand Braun, der mit Siemens & Halske zusammenarbeitete. Zwischen beiden Firmen entstand ein Streit, den letztendlich der Kaiser aus politischen Gründen beendete: „Da habe ich schließlich den Siemens und den Rathenaus solange mit den Köpfen zusammengestoßen, bis sie sich vertragen haben!“

Auf seinen Wunsch gründeten Siemens & Halske AG und Allgemeine Elektrizitäts Gesellschaft (AEG) am 27. Mai 1903 in Berlin die „Gesellschaft für drahtlose Telegraphie m.b.H.“, in der die Systeme unter der Bezeichnung „Telefunken“ vereinigt wurden. Technischer Direktor und Chefingenieur wurde Georg Graf von Arco.

Diese in Deutschland 1898 und kurz darauf auch von Guglielmo Marconi in England durch Patente geschützte Anordnung wurde zum Vorbild für fast alle bestehenden Systeme. Auf die nationale Integration folgte international der Wettbewerb Telefunken gegen Marconi. Für die in den Konkurrenzkampf gegen die englische Marconi-Gesellschaft eintretende deutsche Firma Telefunken waren die erprobten Konstruktionen von Arco, Braun und Slaby von großem Werte, da sofort eine erfolgreiche Tätigkeit entfaltet werden konnte.

Auf Initiative von Arco ließ Telefunken 1906 die Großfunkstation Nauen errichten, die sich zu einer wichtigen Großstation im Weltfunkverkehr entwickelte. Die Einführung des Hochfrequenzmaschinen-Senders setzte einen weiteren Akzent. 1912 entfielen von den weltweit mehr als 3 000 Funkstationen 45 Prozent auf Telefunken, den Rest teilten sich etwa zehn andere Firmen. Der Freidenker und Idealist Arco war ein Gegner der Kriegspolitik, dem es vor allem auch als Mitglied von „Bund Neues Vaterland“ und „Gesellschaft der Freunde des Neuen Rußland“ um Frieden und übernationale Verständigung gegangen ist. Bei ihm – wie auch bei Einstein – fokussierte sich aber der Zwiespalt des Naturwissenschaftlers und Ingenieurs, indem sich der gesellschaftliche Zweck vom technischen Mittel löste, durch das sie sich immer verwirklichen mussten. Als Arco sich 1930 zur Ruhe setzte, gehörte „Telefunken“ weltweit zu den elektrotechnischen Produkt- und Marktführern.

Georg Graf von Arco starb vor genau 65 Jahren am 5. Mai 1940 in Berlin. Sein Grab befindet sich auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf, Block Heilig Geist, Gartenblock V, Erbbegräbnis 20.


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