Erinnerungen
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. (Jean Paul)

Gustav Altenkirch

Dem Kinde im Manne

Gustav Altenkirch zum 100. Todestag / Der Schöpfer der „Bismarckhöhe“ gab Werder ein Gesicht

WERDER. Gustav Altenkirch fehlt. Der hätte dem Werderaner Bürgermeister frei von der Leber weg gesagt, dass ein griechisches Bad an der Havel ebenso Mist ist wie ein Mongolenkloster über dem Schwielowsee.

Hätte es zur Zeit der „Wanderungen durch dieMark Brandenburg“ schon die Gaststätten Friedrichshöhe, Gerlach’s Höhe, Carl Rauhes Blüthenrestaurant, Rauenstein, Wachtelburg und Bismarckhöhe gegeben, Fontane hätte genug Schreibstoff, Werder zitierfähiges Werbematerial und der Bürgermeister vielleicht eine Idee gehabt, die sich einmal aus der Geschichte und Tradition des Ortes ableitet. So aber bleibt der Blütenstadt nur Christian Morgenstern, mit dessen unsinnigen Gedichten hier und anderswo kaum einer etwas anfangen kann.

Diese „Galgenlieder“ entstanden noch in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts für den lustigen „Bund der Galgenbrüder“, der sich auf einem Ausflug nach Werder mit diesem Namen schmücken zu müssen meinte.

„Dem Kinde im Manne“ sind sie gewidmet und kein anderer als Gustav Altenkirch war es, der das kindliche Männervergnügen damals überhaupt erst möglich machte, weil man von seiner Havelhöhe dieWelt anders sah, und vor allem andre Dinge als Andre.

Nachdem das seit 1879 stattfindende Baumblütenfest einigermaßen erfolgsversprechend geworden war, hatte Gustav Altenkirch, geboren am 10. August 1856 und verheiratet mit Auguste geborene Rietz, mit einem Ausschank in seiner Obstplantage am Galgenberg begonnen. Nach und nach kam für die schöne Aussicht alles zusammen, Gartenwirtschaft, Restaurationshalle, Aussichtsturm, Kegelbahn, Dampferanleger, Treppenanlage und neben einigen Gästezimmern 1904 auch der große Festsaal.

Nach Bismarcks unrühmlicher Entlassung 1890 durch Kaiser Wilhelm II. und erst recht acht Jahre später nach seinem Tod wurde der „Eiserne Kanzler“ um die Jahrhundertwende endgültig zum Mythos erhoben. Denkmäler, Türme, Straßen und Plätze wurden ihm gewidmet. Werder wollte sich diesem Trend nicht entziehen. Der Galgenberg wurde kurzerhand zur „Bismarckhöhe“ und daraus schließlich eine geschätzte Gaststätte als Familienunternehmen, das sich zuvorderst am Machbaren und Traditionellen orientierte.

Nach dem Tod von Gustav Altenkirch am 14. Februar 1906 führte sein Sohn Gustav das Geschäft weiter. Da Werder offensichtlichmit derOrganisation des Blütenfestes schon früher überfordert war, beantragte der Junior 1930 den Bau eines zweiten Dampferanlegers „zur Behebung der Mißstände zur Baumblüte 1929“.

Mit dem Zweiten Weltkrieg kommt das Ende der „Bismarckhöhe“. Was danach passiert, ist längst aus anderen Beispielen bekannt: Lazarett von Wehrmacht und Roter Armee, Internat, Lagerhalle, bauliche Veränderungen, Zweckentfremdungen, die erhebliche SchädenamGebäudekomplex zur Folge hatten.

Da die Bismarckhöhe 1979 Volkseigentum geworden war, kam die Immobilie mit der Wende ziemlich automatisch in die Obhut der Treuhand. Obwohl die ehemalige Ausflugsgaststätte am Hohen Weg bereits am 7. November 1994 unter der Signatur 402020/494 in das „Verzeichnis der Denkmale des Landkreises Potsdam-Mittelmark“ aufgenommen wurde, sah die Havelstadt Werder – eingerechnet auch die hinlänglich bekannten juristischen Streitereien – doch viele Jahre dem Verfall des historisch bedeutsamen Bauwerks zu, weil vorrangig Fremdkörpern Priorität eingeräumt wurde.

Erst als die diversen Pläne scheiterten, die Blütenfestmisere auf der überforderten Insel nicht mehr zu übersehen war und der Unmut der Werderaner selbst über den Niedergang der Höhengaststätten laut wurde, entschloss sich die Stadt 2002 notgedrungen zum Kauf. Spätestens ab 1996 aber, als Manfred Lindicke mit der Aufrebung die Bewirtschaftung des Wachtelbergs übernahm, und damit ein Zeichen setzte, dem Vergessen entgegenzuwirken, hätte bei Stadtverwaltung und Volksvertretern ein Überdenken ihrer bisherigen Wachstumsideen einsetzen müssen. Das ist aber eigentlich erst heute der Fall, da jetzt nennenswerte Summen für Sanierung und Rekonstruktion der „Bismarckhöhe“ im Haushaltsplan der Stadt Werder vorgesehen sind. Gleiches gilt übrigens für den bedürftigen Petzower Landschaftspark. Der Appell an freiwillige Helfer und Sponsoren kann nicht alles sein. Die Gaststätten auf den Höhen und nicht jene auf der Insel waren die Attraktionen, auch die mit Liebe, Engagement und Geschäftssinn improvisierten Lokalitäten in den Obstbaumanlagen. Das war Werder. Das ist Werder. Die ungeliebten „Galgenlieder“ gehören heute mehr denn je dazu, weil sie stets auch ein spöttischer Seitenhieb auf alle Wichtigtuer waren, die über ihr Wichtig tun die eigene Lächerlichkeit als bedeutsamen Ernst verkennen.

„Man sieht oft etwas hundertmal, tausendmal, ehe man es zum ersten Male wirklich sieht“, notierte Christian Morgenstern. Der Wirt von der Bismarckhöhe nickte. Gustav Altenkirch fehlt sehr.


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