Erinnerungen
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. (Jean Paul)

Hans Baluschek

Was mich berührt, ergreift, packt, erschüttert

Für Kaiser Wilhelm II. produzierte Hans Baluschek „Rinnsteinkunst" und für die KPD war seine künstlerische Entwicklung vergleichbar mit jener der Sozialdemokratie von der revolutionären Arbeiterbewegung zum Verrat.

Der eine negierte den realistischen Blick des Künstlers auf die Realitäten, den anderen fehlte die Aggressivität des Klassenkampfes. Für die Umsetzung seiner Alltagsbeobachtungen in ein künstlerisch verdichtetes Milieuporträt hatte er eine schlichte Antwort parat: „Was mich um mich herum irgendwie berührt, ergreift, packt, erschüttert, gibt mir die Impulse zu meinen Bildern. Dann formt sich die Komposition, und aus meinem reichlichen, in meinem Gehirn aufgespeicherten Typenmaterial stellen sich die Figuren ein. Auch vierstöckige Mietskasernen mit ihren Hinterhäusern haben ihren Typ, ebenso wie Straßenlaternen, Trottoirbäume, Eisenbahnsignale und Lokomotiven. Ich habe sie durch Beobachtung in ihrem Wesen erkannt und hebe mit Leichtigkeit das zwingend Charakteristische hervor“.

Hans Baluschek wird am 9. Mai 1870 als Sohn eines Eisenbahningenieurs in Breslau geboren. Er studiert von 1889-1894 an der Hochschule für bildende Künste der Preußischen Akademie. 1895 läßt er sich als freischaffender Künstler in Berlin nieder. Baluschek erfaßt wie kaum ein anderer die sozialen Spannungen der Wilhelminischen Ära. Er entdeckt Großstadt, Alltag, Industrie und Technik, vor allem die Eisenbahn. Seine Welt sind die Arbeiter und Kleinbürger. Darüber findet er zu seinem Stil, dem sozialkritischen Realismus.

Am 2. Mai 1898 gehört Hans Baluschek zusammen mit Max Liebermann, Walter Leistikow, Lovis Corinth, Lesser Ury, Max Slevogt, Käthe Kollwitz und Heinrich Zille zu den Gründern der „Berliner Secession". 1913 wird er Vorstandsmitglied. Dazwischen liegen zwei Hochzeiten und eine Scheidung, zuerst mit der Schauspielerin Charlotte von Pazatka-Lipinski, dann mit seiner Schülerin Irene Dröse, aus deren Ehe zwei Töchter hervorgehen.

Nach dem Weltkrieg beteiligt sich Baluschek an der kulturpolitischen Arbeit der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Er kreiert Bilder für die sozialdemokratische Presse und übernimmt 1920 eine Lehrtätigkeit an der Volkshochschule. In dieser Zeit entstehen auch seine Illustrationen für das Märchen „Peterchens Mondfahrt".

Als Vorstandsmitglied des „Reichsverbands Bildender Künstler“ initiiert er 1926 die Gründung einer Unterstützungskasse für Berliner Künstler. Für sein Engagement in Schöneberg, zu dem wohl auch die organisierte Ausstellung „Das alte Schöneberg im Bilde" gerechnet werden muß, stellt ihm der Stadtbezirk eine Atelierwohnung in der Friedenauer Siedlung Ceciliengärten zur Verfügung.

1929 wird er zum Vorsitzenden des „Kartells der Vereinigten Verbände Bildender Künstler" und damit zum Leiter der jährlichen „Großen Berliner Kunstausstellung" gewählt. Am 28. September 1935 stirbt er im Franziskus-Krankenhaus in Berlin.

Hans Baluschek beschäftigte sich seit den späten zwanziger Jahren - meist Auftragsarbeiten von Firmen wie Borsig und AEG - vermehrt mit Detaildarstellungen der alten Berliner Innenstadt. Viele dieser zugespitzten Milieuporträts befinden sich heute in den Sammlungen des Märkischen Museums, des Bröhan-Museums und der Berlinischen Galerie.

Der Blick auf die „Friedrichsgracht“ (1927), Jungfernbrücke und Spreekanal - aus der Sammlung Axel Springer - gehört seit langem zu den klassischen Berlin-Ansichten. Auch hier faszinierte ihn wohl vor allem die betont technisch-konstruktive Form der 1798 entstandenen Jungfernbrücke. Es sind nicht zuerst die Passanten, die hier ihrem Alltag nachgehen, es sind auch die exakten Beschreibungen des Drumherum, der Häuserfront vor allem, die jede Fensterform, jedes Gesims, jede Reklame genau protokollieren.

Das Urteil über sich und sein Werk hatte Hans Baluschek bereits lange vor seinem Tod gefällt: „Im allgemeinen nennt man mich einen Naturalisten, und da der Naturalismus doch nun mal schon Anfang 1900 überwunden ist, bin ich ‚altes Spiel’. Alle diese Urteile haben mir nicht geschadet.“

Das Grab von Hans Baluschek (Ehrengrab) befindet sich auf dem Wilmersdorfer Waldfriedhof in Stahnsdorf, Abteilung L I - S III – 334.


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