Erinnerungen
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. (Jean Paul)

Kurt Breysig

Aus meinen Tagen und Träumen

Solange er lebte, war seine Frau geschützt. Doch vier Jahre nach seinem Tod am 16. Juli 1940 beschlagnahmte die Gestapo im Januar 1944 Haus und Besitz. Damals „standen im Arbeitszimmer noch alle Handschriften und Vorveröffentlichungen geordnet wie er sie hinterlassen hatte; nur die zehn unveröffentlichten Nachlaßbände waren in Reisetaschen bewahrt, griffbereit für die Stunden des Fliegeralarms“. Nun wurde die Jüdin nach Theresienstadt deportiert.

Sie überlebte, kehrte 1949 zurück und suchte nach dem Nachlaß ihres Mannes. Sie fand drei gerettete Kisten mit Manuskripten und Schriften bei Walter de Gruyter in Berlin, jenem Verlagshaus, das die ersten beiden Bände „Die Anfänge der Menschheit" und „Völker der ewigen Urzeit" 1939 verlegt hatte. Sie sorgte dafür, daß fünfzehn Jahre nach seinem Tod 1955 auch die drei noch unpublizierten Bände der „Geschichte der Menschheit" von Kurt Breysig verlegt wurden.

Gertrud Breysig hat sich - wie ihr Mann - um die Publikation des Werkes bemüht, zu recht, aber doch wohl - wie ihr Mann – immer zur „Unzeit“. Mit den Erfahrungen der nationalsozialistischen Jahre ging nach dem Weltkrieg eine Abneigung gegen eine universale Geschichtsschreibung einher. Gefragt waren nun Lokal-, National- und Kontinentalgeschichte. Kurt Breysig aber wollte weite Horizonte erfassen, in denen neben Geschichte Aspekte von Soziologie, Philosophie, Kunstgeschichte und Wirtschafts-, Religions- und Kulturwissenschaft sichtbar werden sollten.

Breysig wurde am 5. Juli 1866 geboren. Er studierte Jura, Geschichte und Kunstgeschichte. Seine Dissertation schrieb er über die brandenburgisch-preußische Finanzverwaltung im 17. Jahrhundert. 1890 wurde er promoviert, 1892 habilitiert und 1896 erhielt er eine Professur an der Berliner Universität. In seiner ersten Vorlesung 1893 beschäftigte er sich mit der „Entwicklung der führenden Völker Europas in der neueren und Neuesten Zeit".

Schon damals wandte er sich gegen die kleinteilige Archiv-Forschung, weil man „nicht warten könne, bis die Einzelforschung fertig würde. Jede Zeit sei dazu aufgefordert, ihr Gesamtbild von der vergangenen Geschichte zu entwerfen“. Breysig wollte das Ganze, den Blick aufs Panorama.

Der Theologe Adolf von Harnack, der ahnte, daß die traditionellen Quellenhistoriker um und nach Leopold von Ranke dies mit „eisigem Schweigen“ beantworten würden, riet, „Abhandlungen von ausgeprägt monographischem Charakter erscheinen zu lassen. Und wenn Sie die Kieselsteine auf dem Schlachtfeld von Leuthen zählen sollten." Mit Universalgeschichte ohne Detailforschung war und ist an deutschen Universitäten kein Lorbeer zu gewinnen. Darin liegt ein Grund für Breysigs Wirkungslosigkeit.

Breysig erkannte die Existenz von Experten an, „aber es muß auch Experten für das Allgemeine geben“, weil Geschichtsforschung vor allem ein Werk für das Leben sein sollte. Über seinen „Zwieweg“ war er sich bereits 1917 im klaren: "Entweder von oben her sehen und dabei leicht obenhin, oder aber sich einlassen in die Zahllosigkeit des Einzelgeschehens. In Wahrheit wäre ja meine Aufgabe nur zu lösen, wenn ich 120, noch lieber 200 Jahre alt würde! Und nun ist wirklich der aufreibende Kampf meines Werks und meines Lebens, die Mittellinie zu finden.“

Erstaunlich ist, daß Breysig - spät, aber dennoch - 1923 vom preußischen Kultusminister Carl Heinrich Becker auf den Lehrstuhl für Universalgeschichte und Gesellschaftslehre berufen wurde. Mit 67 hat er sich 1933 von der Universität verabschiedet und nach Bergholz-Rehbrücke zurückgezogen. Dort wohnte er seit 1912 in der Mörikestraße 4, und seit 1920 zusammen mit seiner vierten jüngeren Ehefrau, die er 1924 geheiratet hatte. Zwei Bände seiner fünfbändigen „Geschichte der Menschheit" wurden in Bergholz-Rehbrücke vollendet.

Für Hartmut Böhme, Direktor des Kulturwissenschaftlichen Seminars der Humboldt-Universität, besteht nun wieder „in der zunehmend globalisierten Welt ein Trend zur Universalgeschichte“ im Stile Breysigs. Dafür spricht wohl auch, daß „Die Geschichte der Menschheit" 2001 im Verlag Walter de Gruyter eine 2. Auflage erlebt hat.

Das Grab von Kurt Breysig befindet sich auf dem Kirchhof in Bergholz-Rehbrücke. Die Gemeinde, die den Historiker bisher nicht zum Ehrenbürger erklären wollte, könnte mittun, damit die 1962 von der Witwe aus dem Nachlaß herausgegebenen Memoiren, Aufzeichnungen, Briefe und Gespräche wieder erhältlich sind: „Aus meinen Tagen und Träumen“ in Bergholz-Rehbrücke.


Download PDF

nächster Artikel » « vorheriger Artikel