Erinnerungen
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. (Jean Paul)

Lovis Corinth

Lustbetonte Akte

Mit der Münchener Ausstellung „Entartete Kunst“ organisierten die Nationalsozialisten 1937 die heftigste Attacke, die jemals gegen moderne Kunst inszeniert wurde. Wochen zuvor wurden für diese Schau auf Anweisung von Goebbels 16.000 Gemälde, Skulpturen, Zeichnungen und Graphiken „deutscher Verfallskunst“ von 14.000 Künstlern aus dem „deutschen Reichs-, Länder- und Kommunalbesitz“ konfisziert.

Allein von Lovis Corinth wurden 295 Werke beschlagnahmt. Sieben davon wurden beispielhaft für „entartete Kunst“ gezeigt: „Bildnis des Malers Bernt Grönvold“, „Regenstimmung am Walchensee“, „Vierwaldstättersee am Nachmittag“, „Walchenseelandschaft“ - aus der Sammlung der Berliner Nationalgalerie die Gemälde „Kind im Bettchen“, „Das trojanische Pferd“ und „Ecce homo“.

Lovis Corinth gehört neben Max Liebermann zu den herausragenden Künstlerpersönlichkeiten, die mit ihrer Malerei die Moderne in Deutschland vorbereiteten. Er studiert an den Akademien von Königsberg und München. Bis zu einer Ausstellung bei dem Kunsthändler Paul Cassirer und seiner Teilnahme an der „2. Berliner Secession" im Jahre 1900 pendelt er zwischen München und Berlin. Hier eröffnet er 1901 eine Malschule, wird Mitglied der „Berliner Secession", in deren Vorstand er zusammen mit Max Slevogt, Paul Cassirer, Ludwig von Hoffmann, August Gaul, Fritz Klimsch, Max Liebermann und Walter Leistikow ein Jahr später gewählt wird. Nach Liebermanns Rücktritt als Präsident der „Berliner Secession" wird Corinth 1911 zum Vorsitzenden gewählt. Als zwei Jahre später 42 Mitglieder unter Führung Liebermanns die Secession verlassen und die „Freie Secession" gründen, bleibt er als einziger namhafter Künstler der alten Secession verbunden.

Corinths Schlaganfall im Dezember 1911 nimmt der Organisator von „Entartete Kunst“ Adolf Ziegler als Beleg dafür, daß der Maler für Museen und Galerien erst interessant geworden war, nachdem er halbseitig gelähmt nur noch „kranke, obskure Schmierereien“ produzierte. Immerhin gestand der Nazi-Ideologe Alfred Rosenberg dem Corinthschen Frühwerk eine kräftige Ausstrahlung zu, kritisierte aber die späteren Werke als „schleimige, bleiche Rassenvermischung des neusyrischen Berlin“.

Tatsächlich hatte Corinth danach seinen Stil geändert. Wurzelten seine lustbetonten Akte, Stilleben und Landschaften früher im Realismus des 19. Jahrhunderts, so überwindet er nun traditionelle Darstellungsformen und erreicht mit seiner auf Farbe setzenden Bildauflösung gerichteten Malerei eine außergewöhnliche Selbstständigkeit.

Wie kaum ein anderer Künstler hat sich Corinth immer wieder – vorzugsweise an seinen Geburtstagen und vor und nach dem Schlaganfall - mit dem Selbstbildnis beschäftigt. Gerade in der Auseinandersetzung mit sich selbst dokumentiert er auch seine Veränderungen vom selbstbewußt posierenden Künstler (selbstverständlich mit dem weiblichen Modell an der Seite) hin zum in sich gekehrten Individuum.

Das alles hielt die Nationalsozialisten im Ausstellungsraum der „entarteten Kunst“ nicht davon ab, auf der ganzen Seitenwand über seine sieben Gemälde die Schrift „Zerfall wird zur literarischen und händlerischen Sonderwertung ausgebeutet“ zu placieren. Schlimmer noch: In einer Vitrine wurde neben Photographien von seinen Arbeiten „Badeanstalt“, „Bildnis des Vaters“, „Kreuzabnahme“, „Laage“ und der Zeichnung „Baumlandschaft“ der Kommentar „Der noch gesunde und bodenständige Künstler“ gesetzt - und unter zwei Werken fanden sich die Etiketten „Nach dem ersten Schlaganfall gemalt“ und „Nach dem zweiten Schlaganfall gemalt“.

„Wer etwa glaubte“, schreibt Walter Leistikow, „bei Corinth ein leichtes Drauflosgehen, ein wildes genialisches Farbengeschmiere, ein orgiastisches Kraftmeiertum, ein überschäumendes Talentprotzentum gefeiert zu finden, der mag getrost seine Straße weiter ziehen.“

Das Grab von Lovis Corinth (Ehrengrab seit 1.12.1992) befindet sich auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf, Block Trinitatis, Am Feld 8, Erbbegräbnis 47.


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