Es kann schon eine Lust sein

An Wellness ist nur eines neu: Die Sache kostet viel Geld. Nicht neu ist, dass der Arzt Christoph Wilhelm Hufeland bereits seinem gestressten Patienten Goethe neben angenehmem Klima und freundlicher Umgebung Freizeitvergnügen, Geselligkeit, Gesellschaft und zwischenmenschliche Kontakte verordnete. Das Rezept hatte Erfolg: „Man steht um 5 Uhr auf, geht bey jedem Wetter an den Brunnen, spaziert, steigt Berge, zieht sich an, macht Aufwartung, geht zu Gaste und sonst in Gesellschaft. Man hütet sich weder vor Nässe, noch Wind, noch Zug und befindet sich ganz wohl dabey."


 Foto: Club Olympus Spa & Fitness im „Grand Hyatt“

Mens sana in corpore sano, notierte einst der alte Grieche Hippokrates, nun aber scheint es, dass es Jahrhunderte nach Christi weder einen gesunden Körper noch einen gesunden Verstand gibt. 5,4 Millionen Deutsche schleppen ihre Körper regelmäßig zu Fitness und Wellness. Für das Jahr 2004 wird in diesem Land ein Umsatz von 68,8 Mrd. Euro erwartet. Training für den ganzen Körper und ganzheitliches Wohlbefinden ist die Devise, und so offeriert Google für Deutschland 49.600 und für Berlin 24.100 Seiten.

In der Hauptstadt führen demnach viele Wege zum Entspannen und Genießen. Manchem schwarzen Schaf wird man begegnen: Auf die Schnelle ein Zweiwochenkurs in Indien oder Sri Lanka und dann der Einstieg in das unkontrollierbare Wellness-Geschäft. Es mag schon sein, dass der asiatische Kulturraum mit seinen jahrtausendealten Heilmethoden zahlreiche Varianten für die Erholung von Alltag und Stress aufzeigt, aber hinter diesem ganzheitlichen Bestreben nach Harmonie von Körper und Geist verbirgt sich an Havel und Spree ein nur mühsam erklärbarer Dschungel an Anwendungen.

Richtig auskennen tut sich wohl kaum einer mit Anti-Aging, Body-Forming, Liquid Sound, Caribbean Punch, Aquaroma Detox Hydro Bad, Decléor Body Treatments, Reiki, Shiatsu, Sat Nam Rasayan, Rebalancing Cranio Sacrale, Esalen, Lomi-Lomi-Nui, Thai oder Qi.

Wellness ist eine perfekte Marketingidee. Perfide ist sie vielleicht auch, weil Wellness nicht nur mit der Eitelkeit, sondern auch mit den Ängsten der Menschen kalkuliert. Im Streben nach Schönheit und Körperstyling errechnen sich viele ihre Chancen im Leben. Dementsprechend wird investiert. Man muss sich in Berlin die Orte schon genau anschauen, wo sich Angenehmes mit Nützlichem und Genuss und Spaß mit einer gewissen Vorsorge verbindet.

Der „Club Olympus Spa & Fitness“ auf der Dachterrasse des „Grand Hyatt“ mit Blick über Tiergarten, Philharmonie, Neue Nationalgalerie und den Bauten am Potsdamer Platz steht bei Berlinern und Hotelgästen hoch im Kurs. Hyatt hat rechtzeitig reagiert und zum früher betonten Fitness eine große Auswahl an Spa hinzugefügt. Lebensenergie und innere Ruhe durch Bewegung und Entspannung heißt das Motto, und so können von der Ayurvedischen Massage mit dem amerikanischen Naturprodukt „Aveda“, Werbespruch „The Art and Science of pure flower and plant essences“, über Klangschalen- und Hot-Stone-Massage viele Wünsche erfüllt werden. Tai Chi gibt es auch, im Sommer sogar auf der Rasenfläche unter freiem Himmel.

Chefin Yee-Man Timm, geboren in Hongkong, aufgewachsen in Berlin, steht dem Unternehmen vor. Die gelernte Kosmetikerin und Ayurueda-Spezialistin kümmert sich um die Schönheit, Sarkaut Zandi, der Berliner Kurde aus dem Irak, und Steve Dengler, Heilpraktiker, der in dieser Stadt auch seine eigene Praxis „Novalis“ betreut, sind die begehrten Stars der Massage. Dengler hat ein wunderbar kritisches Verhältnis zu diesem Geschäft. Das ist gut so, und das schafft von vorneherein Vertrauen zwischen Gast und Masseur. „Die Leute suchen, erhoffen sich irgendetwas. Früher wäre man in die Kirche gegangen, heute tut man sich was Gutes beim Wellness an.“ Eine Ayurveda-Massage, das ist eine Ganzkörpermassage mit warmem Aromaöl, macht für ihn aber nur Sinn, wenn eine gewisse Regelmäßigkeit eingehalten wird. „Ich muss jemanden kennen, es muss beide berühren, es muss für beide ein schönes Gefühl entstehen.“

Gleich nebenan und tatsächlich über den 19 Kinosälen des CinemaxX befindet sich in der Potsdamer Straße 3 die Herberge „Madison Potsdamer Platz“. Den Architekten von DaimlerChrysler ist bei diesem Straßenfronthaus wenig eingefallen. Wer nicht aufmerksam schaut, wird den Eingang übersehen. Vielleicht ist diese Bescheidenheit auch gut. Das Haus, für Appartements gedacht, ist längst das ausgemachte Quartier für Filmleute aus aller Welt. Rezeption, Lobby und Bar sind schmal, aber charmant. Für „Fitness Lounge & Wellness Spa“ stehen auf der Dachterrasse im 11. Stock 400 qm zur Verfügung. Alles ist ein wenig bescheidener als im Grandhotel. Macht nichts, weil der Gast nach Sauna, Massage und Gerätearbeit die Teestube genießen kann, und der Blick auf das Gewühl des DaimlerChrysler-Areals sogar den fehlenden Pool vergessen lässt.

„The Regent“, vor kurzem noch „Four Seasons“, hatte am Gendarmenmarkt schon immer wenig Platz. Weil für ein Luxushotel eine Gesundheitsabteilung vorgeschrieben ist, hat man Fitness, Sauna, Massage und Schönheit in den Keller verfrachtet. Die Räume können neben dem Oben durchaus bestehen, dennoch wirkt alles ziemlich gedrückt und eng. Das spürt offensichtlich auch der weitherumgekommene neue Direktor Wolfgang Nitzschke, weshalb er seinen Gästen unumwunden zusätzlich den nahen „Holmes Place Club“ ans Herz legt.

Dieser Club, ein Ableger des Londoner Originals, ist im sogenannten Quartier 205 in der Mohrenstraße 50 installiert. Auf 5.000 qm und drei mit Aufzügen und Treppen verbundenen Ebenen befinden sich neben modernsten Trainingsgeräten ein großzügiger Beauty- und Wellnessbereich mit 16 Meter langem Schwimmbecken, Whirlpool, Biosauna und Dampfbad.

Im neuen „Radisson SAS Hotel” hat der Bauherr, die Deutsche Immobilien Fonds AG Hamburg (DIFA), alles in das Untergeschoß verbannt. Das war, wie sich jetzt herausstellt, ein Fehler, der den Anlegern wehtun wird. Das Haus an der Spreeinsel und an der Seite des nun bald hundertjährigen Berliner Doms besticht vor allem durch seine gewölbten Glasdächer. Ausgerechnet die aber, von denen man einen Panoramablick über die Stadt genießen kann, lassen sich nicht vermieten. Was hätte das dem Komplex geben können: Neben der Reise in die Unterwasserwelt im benachbarten Sea Life Centre und einer Aufzugtour durch den fischreichen AquaDom Fitness und Wellness für Hotelgäste und Berliner unter den Glaskuppeln.

Das 450 qm große „Splash“ ist zweifellos gelungen. Rotbrauner Travertin empfängt den Gast. Hinter der Bar befindet sich der 11 Meter lange Swimmingpool. Starke Gegenstromanlagen machen ihn obendrein interessant. Natürlich haben die Skandinavier neben Finnischer Sauna, Dampfbad und Solarium auch an Krafttraining und Schönheit gedacht.

Erstaunlich: Bei allem Schnickschnack, der sich hinter dem gegenwärtigen Boom auch verbirgt, und bei allen Vorbehalten gegen diese Erscheinung, die Sternehotels behandeln Fitness und Wellness noch immer stiefmütterlich. Beim „Regent“ am Gendarmenmarkt nimmt man das nicht übel, weil das Haus zur ersten Hotelgeneration der frühen neunziger Jahre gehört, aber Marriott und Ritz-Carlton? Nagelneue Häuser mit höchsten Ansprüchen. Die Wellness aber findet im Untergrund statt.

Und was ist mit dem Adlon, das seit seiner Eröffnung aus dem Erweitern überhaupt nicht mehr herauskommt. Obwohl das überaus feine „Adlon Spa“ auf 800 qm schon alles aufbietet, Schwimmbecken, Whirlpool, Saunen und Dampfsaunen, Fitnessraum, Personal Training, Solarium, Massageräume, Kosmetikkabinen und Poolbar, haben sich in der Branche die Pläne für Zu- und Umbauten bereits herumgesprochen. Das ist richtig so, und es entspricht genau jener Tradition, für die der Hotelier Lorenz Adlon am Pariser Platz einst die Weichen gestellt hat. Die Gäste werden darauf bauen können, dass man sich auch zu diesem Thema etwas einfallen lässt.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. November 2004


Download PDF