Gute Hörsamkeit im Admiralspalast

Wir machens mitten in Berlin. Dieser schlichte Spruch reichte, um die Schickeria von Donau, Isar, Main, Rhein und Spree in die Berliner Mitte zu holen. Was als schillernde Wiedereröffnung des Admiralspalastes mit Brandauer, Campino und der „Dreigroschenoper“ geplant war, entpuppte sich mehr oder weniger als tote Hose. Einen Tag später traten jedenfalls gegenüber im Berliner Ensemble Sänger, Schauspieler, Musiker, Regisseure, Schriftsteller, Politiker und Zeitzeugen in einer Brecht-Gala ins Rampenlicht und waren damit „Ungeheuer oben“. Nur das war ein wirklich großer, ein wahrhaft weltstädtischer Abend.


 Foto: gkk-architekten

Mit dem Haus in der Friedrichstrasse 101 war es zu keiner Zeit einfach. Angefangen hatte es dort 1873 mit dem „Admirals-Gartenbad", eine Badeanstalt, die modernste Europas und eine der ersten in Berlin. Auf diesem Erbe wurde am 20. April 1911 der „Admiralspalast“ eröffnet. Unter einem Dach gab’s dann Eislauf, Therme, Café, Kegelbahn und Lichtbildtheater. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde wieder umgebaut. Im Revuetheater von Hermann Haller gab’s „Ereignisse, die man in Berlin mitmachen musste“.

Den letzten allgemein bekannten Umbau besorgte 1939 der Architekt Paul Baumgarten mit neoklassizistischen Ambiente nebst Einbau einer Mittelloge im ersten Rang. Es ist wohl auch davon auszugehen, dass die „Deutsche Staatsoper", die das Haus von 1945 an als Interimsspielstätte nutzte, sowie das am 21. Dezember 1955 eröffnete „Metropoltheater" weitere bauliche Veränderungen vornahmen.

Danach passierte nicht mehr viel, da mit der Wende nur Chaos kam: Kürzung, Abwicklung, Privatisierung und mit René Kollo schließlich das Aus am 31. Juli 1997. Da das Haus Geschichte hat und unter Denkmalschutz steht, sah sich der Senat 2002 letztendlich zu dem Bekenntnis gezwungen, den Gebäudekomplex als Kulturstandort zu erhalten. Irgendwie wird es im Juli 2003 in einem Bieterverfahren ermöglicht, dass die Mannen um den Arena-Betreiber Falk Walter das Gebäude erwerben und (wieder einmal) umbauen können.

Die neue „Admiralspalast Produktions GmbH“ sieht das mit Buhs bedachte Opening nur als Auftakt für „ne tolle Lokäschen“. Neben dem Theatersaal soll es das „Foyer 101“ geben, darüber im Dachgeschoß das „Studio“ als Mehrzweckhalle für Pop (überspannt von einer einzigartigen Eisenkonstruktion, um deren Erhalt man nun bangen muss), unter dem Innenhof den „Club“ als Diskothek, im Vorderhaus das „Grand Café“ im ehemaligen Presse-Café der DDR, selbst das Admiralsbad mit hauseigener Solequelle soll wieder entstehen. Und schließlich sind da auch noch die Belange der „Distel“ zu berücksichtigen, deren Pointen - ungestört - sitzen müssen.

Ja, mach nur einen Plan, schrieb Brecht, sei nur ein großes Licht, und mach dann noch 'nen zweiten Plan, geh' n tun sie beide nicht. Die geplante Gleichzeitigkeit von Entertainment, Kultur, Wellness und Fun in einem verschachtelten Bau mit Vorderhaus, Seitenflügel, Hinterhaus - und Nachbarn nach allen Seiten - ist nicht einfach. Das ahnte wohl auch das federführende Berliner Architekturbüro „Gewers, Kühn und Kühn“, weshalb sie sich vor einem knappen Jahr die Firma „ABIT Ingenieure“ aus der Teltower Oderstraße holte.

Uwe Trautmann, der Geschäftführer, ist ein ausgewiesener Sachverständiger für Bau- und Raumakustik. Nach seinem Studium an der Technischen Universität Dresden promovierte er 1986 über „Die messtechnische Erfassung der Räumlichkeit in Sälen für musikalische Darbietungen“. Zuvor jedoch musste er seine eigentliche „Meisterprüfung“ ablegen: Vorbereitung und Leitung der akustischen Erprobung der Dresdner Semperoper. Am 13. Februar 1985 war es mit Bravour geschafft. Nach achtjähriger Bauzeit wurde das Opernhaus mit Webers „Freischütz“ wieder eröffnet.

Trautmann, einst wissenschaftlicher Mitarbeiter für Lärm- und Schwingungsschutz am Zentralinstitut für Arbeitsschutz in Dresden, wurde 1990 an das „Deutsches Institut für Normung“ (DIN) berufen. Jahre später macht er sich selbständig. Stahnsdorf wird seine Heimat, Teltow der Sitz seines Akustik-Ingenieurbüros - mit Messung, Planung und Beratung sowie Forschung und Weiterbildung für alle Gebiete der Bauphysik sowie Schallimmissionsschutz, Maschinenakustik und Schwingungsschutz.

Obwohl ihn die IHK Potsdam 2002 zum „öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen für Bau- und Raumakustik sowie Schallschutz“ befördert hat, scheint das Bundesland Brandenburg ohne seine Dienste auszukommen. Auf seiner Referenzliste stehen renommierte Bauten in Hannover, Hamburg, Bonn, Wolfsburg, Karlsruhe, Dresden, Flensburg, Berlin, auch angesehene Auftraggeber wie Züblin, Strabag, Hochtief, Bilfinger + Nerger, ECE, HSH N, Müller-Altvatter. Potsdam-Mittelmark und den märkischen Rest sucht man vergeblich.

Uwe Trautmann und sein Mitarbeiter Ingolf Sucker, spezialisiert auf Energieeffizienz von Gebäuden, haben nun im Admiralspalast für „gute Hörsamkeit“ zu sorgen. Das ist kompliziert. Die Bausubstanz ist alt. Umbauten waren nicht Ausnahme sondern Regel. Was die Bombeneinschläge ringsherum am Haus wirklich angerichtet haben, wissen die Götter. Eine detaillierte wissenschaftliche Bauanalyse, wie sie sich der Staat bei den zu restaurierenden Bauten auf der Museumsinsel leistet, kann ein privater Investor kaum finanzieren. Erledigt werden die Auflagen der Bauaufsicht, bestenfalls noch unter Berücksichtigung denkmalschützerischen Belange.

Mit Zustimmung der Denkmalpfleger - und der Akustiker - wurde die Mittelloge im ersten Rang abgerissen. Der Einbau von 1939 ist zu verschmerzen, zumal diese Maßnahme laut Trautmann „für die Hörsamkeit insgesamt von Vorteil ist, weil damit sowohl eine ausreichende Lautstärke an allen Plätzen als auch eine gute Klarheit der Musik erreicht wurde“. Sein Auftrag, „die Raumakustik so zu erhalten wie sie einst war“, kann sich im Wesentlichen und eigentlich nur auf den Theatersaal mit seinen 1700 Parkett- und Rangplätzen beziehen. Club, Foyer 101 und Studio gab’s, soweit bekannt, vorher nicht.

Ende August ist jedenfalls ein in weiten Bereichen nur in Ansätzen sichtbarer Umbau erfolgt. Wie die Firma „ABIT Akustik- und Bauphysik-Ingenieurgesellschaft Dr. Trautmann mbH“ den Theatersaal vom Studio „akustisch getrennt“ haben wird, werden wir (laut Plan) spätestens am 15. September erfahren. Dann gibt’s oben ab halb neun die Musik-Comedy-Produktion „Die Drei glorreichen Vier“ als verwegene Promenadenmischung aus „Big-Band-Sound“ und den „Ärzten“, und untendrunter das Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens: „Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht schlecht genug. Doch sein höh' res Streben ist ein schöner Zug“. Drücken wir dem Stahnsdorfer in Teltow für Berlin die Daumen.

Märkische Allgemeine Zeitung, 30. August 2006


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