Pack die Badehose ein

Ach wie nett wäre es, wenn die große Froboess noch einmal die kleine Cornelia geben würde. Dann würden wir die Badehose einpacken, das kleine Schwesterlein nehmen und „nischt wie raus nach Wannsee“ fahren. Anlässe gäbe es: Der Schlager wurde ein halbes, das Strandbad wird ein ganzes Jahrhundert alt.


 Foto: Entwurf von Richard Ermisch

Blicken wir zurück: Noch um 1900 war Baden in Flüssen nur in Flussbadeanstalten gestattet, getrennt in Männlein und Weiblein, hineingesteckt in Holzkästenbassins, aufgeteilt durch hohe Bretterzäune. Am 8. Mai 1907 erlaubte Preußen das Baden im Großen Wannsee: Das Strandbad war geboren.

„Nun haben wir das Heilmittel“, pries Heinrich Zille die Errungenschaft, „Sonne, Luft, Wasser, duftende Wiesen und Wälder geben nach der schweren Arbeitswoche den Menschen körperliche und seelische Kräfte.“ Den Anstoß hatte der Teltower Landrat Ernst von Stubenrauch gegeben. Die Regierung ließ über den damals zuständigen Kreis Teltow erklären, dass „eine 200 Meter lange Uferstrecke am Wannsee als öffentliche Badestelle bezeichnet wird“. Für den Fall jedoch, „dass hieraus schwerwiegende Unzuträglichkeiten entstehen sollten“, wurde Widerruf vorbehalten.

Es war höchste Zeit. Berlin war in der Bredullje. In Friedrichshain, Neukölln und Kreuzberg hatten neunzig Prozent der Wohnungen kein Bad, dafür Hinterhöfe, „een bisken schmal, aber schön hoch“. Ein „Berliner Freibäder Verein" hatte für „Pflege und Schutz des Freibadewesens" zu sorgen, sprich: für „Ordnung und Moral“. Familien, Männer, Frauen separiert. Aufgeregtheiten gab es dennoch, weil „die Badehose eines 25jährigen Herrn so schlecht saß, dass er auch gar keine zu tragen brauche“, weil „Damen, welche baden wollten“, angestarrt wurden.

Dabei hatte die „Polizeiverordnung betreffend das Freibad am Wannsee“, veröffentlicht im Teltower Kreisblatt vom 29. Juli 1909, unter § 6 exakte Hinweise gegeben: „Die zulässige Badekleidung ist für Personen männlichen Geschlechts mindestens eine die Oberschenkel zur Hälfte bedeckende nicht dreieckige Badehose, für Personen weiblichen Geschlechts ein Badeanzug, der Schultern, Brust, Leib und die Beine etwa bis zum Kniegelenk bedeckt.“

1920 wurde Groß-Berlin mit einer eigens gegründeten „Freibad Wannsee GmbH“ zuständig: Kapellen spielten auf. Im Lido wurde getafelt. Fotografen stellten sich ein. Ein Boot schipperte als schwimmende Eisdiele am Strand entlang. 1927 waren es 900.000 Besucher. Da die Kapazität bald erschöpft schien, wurde der Architekt Richard Ermisch um einen Entwurf gebeten: Aus der vom Ufer ansteigenden Landschaft sollte ein Baukomplex mit zwei 540 Meter langen Achsen herauswachsen und den 1300 Meter langen Strand zum Grunewaldhügel hin abschließen. Entstanden ist ein „Weltstadtbad in absoluter Modernität“ – infolge der Weltwirtschaftskrise allerdings nur als Torso.

Zum Jubiläum am 8. Mai gibt es noch nicht einmal „den“ zu betrachten. Nicht Berlin, sondern die „Stiftung Denkmalschutz Berlin“ ließ das Fragment seit 2004 restaurieren – das entscheidende architektonische Zentrum, das Achsengelenk allerdings nicht, so dass die angekündigte Besichtigung des „Baudenkmals in seinem ursprünglichen Erscheinungsbild“ zur Farce wird. Schon vor Baubeginn ließen Formulierungen vermuten, dass nicht alles reibungslos vonstatten gehen wird. „Die Stiftung ist überzeugt, dass der zur Gesamtanlage gehörende Vorplatz in seinen historischen Zustand versetzt“ wird. Denkste!

Die Gegend war Jagdgebiet von Kurfürsten, Königen und Kaisern. Erst 1915 gelang es dem kommunalen Zweckverband mit dem „Dauerwaldvertrag“, Teile des Areals vom Staat zu kaufen. So kam es, dass der Grunewald von den „Berliner Forsten“ verwaltet wird, die heute der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung unterstellt sind, das Strandbad von den „Berliner Bäder Betrieben“ betrieben wird, zuständig „Bildung, Jugend und Sport“. Bisher ist es nicht gelungen, zwischen den Einrichtungen ein „ausreichendes Vertragsverhältnis“ herzustellen.

In einer „Anstalt des öffentlichen Rechts“ wurden die bis 1996 von den Bezirksämtern in Eigenregie geführten 37 Hallen- und 27 Sommerbäder zusammengeführt. Der Obolus von jährlich etwa 7,5 Millionen Badegästen mildert den Finanzbedarf, mehr aber auch nicht. Der Landeszuschuss sank innerhalb von zehn Jahren von 79 auf 39,5 Millionen Euro. Elf Bäder wurden geschlossen, der große Rest ist ziemlich bedürftig. Wannsee voran.

Mit der Sanierung trat die „Stiftung Denkmalschutz“ quasi als „Bauherr“ auf, der gegenüber seinen Geldgebern Rechenschaft abzulegen hat. Deshalb sollte sich Berlin verpflichten, das Strandbad nach erfolgter Restaurierung nicht zu verkaufen und künftig in einem für das Baudenkmal angemessenen Zustand zu erhalten. Die Forderungen sind mehr denn je berechtigt. Hinter dem Entree hatte Ermisch Parkanlagen mit Wegen zu den fünf Abgangstreppen geschaffen, über die die Massen gleichmäßig an Umkleidegebäude und Strand verteilt wurden. Gerade dieses Areal befindet sich heute in einem schlimmen Zustand.

An dem fünfzig Meter breiten Sandstrand können sich am Tag 10.000, 30.000 und mehr Badegäste tummeln. Nach Norden schauen sie auf die Halbinsel Schwanenwerder, auf der sich ein Aspen-Institut um Verständnis für amerikanische Sichtweisen bemüht, gegenüber liegt der Stadtteil Wannsee mit dem „Haus der Wannsee-Konferenz“, in dem die „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen wurde. Mit beiden Themen geht man hier allerdings Baden.

Die Stiftung sanierte die vier Umkleidehäuser mit den Terrassen, das vorgelagerte Promenadendeck, den darunterliegenden Wandelgang und die Treppen. Die Kosten dafür werden mit 12 Millionen Euro angegeben. Sie machte sich (leider) nicht an den Höhepunkt der Anlage, weil es nicht ihre Aufgabe ist, „Instandsetzung und Modernisierung des bauaufsichtlich gesperrten Strandrestaurants als eines Wirtschaftsbetriebes zu übernehmen“. So hatte man sich darauf verständigt, dass die Bäderbetriebe für eine Sanierung sorgen. Denkste!

Das aber ist das Kernstück des grandiosen Entwurfs. Im „Deutschen Kunstverlag“ erschien 1931 eine Beschreibung: Über die existierenden Hallen hinaus sollten nach Süden hin „fünf weitere Hallen und ein Sporthafen errichtet werden – bei Vollendung wäre das Strandbad auf die dreifache Länge des derzeitigen Zustandes erweitert worden“. Der Gefahr einer monotonen Länge begegnete der Architekt mit einer vertikalen Gliederung durch die Treppen, vor allem aber mit der (geplanten und unvollendeten) Achse Entree-Vorplatz-Gaststätte-Strandhof-Seebrücke. Gebaut wurde lediglich ein Gartenrestaurant als „erster Bauteil einer großen, terrassenförmig den Hang hinaufsteigenden Bauanlage“.

Kurzum: Das Strandbad Wannsee ist ein Baudenkmal von nationalem Rang. Es steht in Berlin, eine Berliner Angelegenheit ist es nicht. Zu beklagen ist die Engstirnigkeit der Stiftung, weil mit etwas mehr Geld auch dieses Kleinod gerettet wäre, zu bedauern ist, dass die Bäderbetriebe in der Ausschreibung von Gastronomen verlangen, den Bau erst einmal wiederherzustellen. Fest steht, dass es die Krönung zur Jahrhundertfeier nicht geben wird. Jäh enden Promenadendeck und Wandelgang. Verrostete Stahlskelette ragen aus dem Sand, alles ein bisschen wie Berlin nach den Bomben, nur fielen die im Strandbad nicht.

Badengehen konnte man da draußen dennoch immer. Mit der Reichsverordnung vom 10. Juli 1942 wurde das bis dahin strafbare Nacktbaden „abseits von Unbeteiligten“ gestattet. Es entstanden „textile“ und „nackte“ Abteilungen. Die einen liegen im Strandkorb, die anderen auf Handtüchern. Die im Korb kommen aus Zehlendorf und neuerdings auch aus Kleinmachnow. Sie haben meist ganzjährig gemietet. Die Handtuchfraktion belegt zwei Drittel - darunter Familien mit Kindern. Für Mütter und Väter ist der Ort ideal, weil die Kleinen einfach nicht ertrinken können. Vor den ersten Schwimmzügen muss man erst einmal durch dreißig Meter Wasser waten.

Der textile Strandabschnitt ist multikulturell geprägt. Hier lagern berliner Berliner, berliner Brandenburger und berliner Türken, vorausgesetzt, dass sich nicht alle berliner Türken und sonstige Voyeure gleichzeitig in jenem Areal hinter dem Sichtschutz befinden, um nackte Berlinerinnen und schwule Berliner betrachten zu können. Letztere hatten ihr Domizil früher auf der Dachterrasse. Da diese wegen Einsturzgefahr geschlossen wurde, zogen sie sich an das nördliche Ende an die sogenannte „Gay Beach“ zurück. In den einschlägigen Magazinen von Berlin bis New York wird daher vermerkt, dass „die schwule Strandkultur aus Deutschland nicht mehr wegzudenken ist“.

Geschadet hat das bisher nicht. Weder den einen noch den anderen. „Ick jeh aba doch hin, aus Daffke“, würde der Berliner sagen. Pack die Badehose ein, mit oder ohne die kleine Cornelia, ab Mai in Wannsee.

Märkische Allgemeine Zeitung, 5. Mai 2007


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