Vivienne Newport

Vivienne Newport

4. Dezember 1951 – 27. April 2015

Beerdigung am 7. Mai 2015, 12.30 Uhr, Friedhof der Friedrichswerderschen Gemeinde an der Bergmannstraße in Berlin-Kreuzberg

Begegnet sind wir uns im Frühsommer 1981 in Jerusalem. Das Tanztheater Wuppertal gastierte während des Israel Festivals in einem Betonklotz, der sich Jerusalem-Theater nennt. Ich würde nicht unbedingt behaupten wollen, dass die versammelte israelische Abendgesellschaft die Aufführungen von „Frühlingsopfer“ und „Café Müller“ seinerzeit bejubelte.

Unser Freund Gideon Paz, geboren in Saarbrücken, geflohen nach Palästina, nun Festivaldirektor, lud danach in ein arabisches Restaurant in Ost-Jerusalem ein. – Das war damals noch möglich.

Am Tisch saß ich mit Vivienne Newport zusammen. Rein zufällig stellten wir fest, dass wir beide roten Wein liebten und dass wir beide wie die Schlote rauchten. Sie wusste nicht, wer ich war. Ich wusste, wer sie war. 1977 war ich bei den Berliner Festwochen für Tanz zuständig. Weil kein anderes Theater zur Verfügung stand, musste das Tanztheater aus Wuppertal in das Theater des Westens: Die Bühne war zu klein. Der Bühnenboden schräg. Das Ensemble meckerte. Die Stimmung war angespannt. Das erste Gastspiel von Pina Bausch in Berlin mit „Frühlingsopfer“ und „Sieben Todsünden“ wurde mehr als stürmisch gefeiert.

Jahre später. Ich war inzwischen Chef des Theater am Turm in Frankfurt. – Sie hatte nach acht Jahren Wuppertal genug vom Stadttheater, wollte sich lösen, wollte unabhängig sein, wollte etwas Eigenes machen.

Mehr als eine Ahnung davon, dass es möglich wäre, dem Theater am Turm mit Tanztheater ein Gesicht zu geben, hatte ich damals nicht. In diesem Moment – ich gestehe es – begriff ich meine Chance. Ich hatte ein englisches Pfund aus Wuppertal an der Angel - eine aus dem Ensemble der „berühmten“ Pina Bausch. - Den werbewirksamen Begriff „Pina Bausch“ musste ich bald aus meinem Repertoire streichen. - Sie war die Newport und wollte nichts anderes als die Newport sein.

Zu vorgerückter Stunde machte ich ihr in Ost-Jerusalem das Angebot, am Theater am Turm eine fest-freie Compagnie zu etablieren. Weinselig gingen wir auseinander.

Wochen später kam sie nach Frankfurt. Wir gingen, wie später noch so oft für Gespräche unter vier Augen, zum Italiener in den Oeder Weg. Dort fragte sie mich, ob ich noch zu dieser Idee stünde.

Im Oktober 1981 wurde in Frankfurt die „Company Vivienne Newport“ gegründet, mit vier Tänzern und einem Schauspieler, der Amerikanerin Coral Lebleboojian, der Französin Florence Bonnefont, der Irin Finola Cronin, dem Algerier Mourad Beleksir und dem Deutschen Lothar Kompenhans.

Am 15. Januar 1982 hatte ihre erste Produktion Premiere: Titel „Mist“. – Als Theaterdirektor wünschte man sich zum Auftakt schon einen „angenehmeren“ Titel. Aber da war bei der Engländerin nichts zu machen.

Am 7. Mai 1982 folgte das Stück mit dem langen Titel – eine Collage aus Texten, Musik und Liedern von Erik Satie, Sophie Tucker und Louis Armstrong. Inszeniert mit den drei Damen der Company. „Hinter der Scheune überfrisst sich ein Ochse“.

Vivienne wollte, dass ich die Texte von Satie aufs Band spreche. Im Studio war ich nicht mehr Theaterchef, sondern ihr Angestellter. Sie hat mich gepiesakt. Nichts passte ihr, weder Betonung noch Aussprache und Rhythmus, alles war der Engländerin nicht gut genug. Drei Jahrzehnte danach habe ich die Texte noch immer im Kopf:

Morgendämmerung (zur Mittagszeit).
Die Sonne ist zu guter Stunde und in guter Laune aufgegangen. Die Hitze wird größer als gewöhnlich sein, denn die Zeit ist prähistorisch und gewitterhaft. Die Sonne steht ganz hoch am Himmel; sie scheint ein guter Typ zu sein. Aber trauen wir ihr nicht allzusehr.

Vielleicht wird sie die Ernte versengen oder zu einem großen Schlag ausholen: einem Hitzschlag.
„Hinter der Scheune überfrisst sich ein Ochse“.

Das irrwitzig-geistreiche Stück mit dem langen Titel „Hinter der Scheune überfrisst sich ein Ochse“ wurde der „Renner“ überhaupt, das meistgespielte Stück.

Rauchen Sie, mein Freund: sonst wird es ein anderer an Ihrer Stelle tun.

Ich sehe nicht ein, warum Geld nicht stinken sollte, wo es doch alles kann.

Wenn es mir widerstrebt, laut zu sagen was ich heimlich denke, so nur deshalb, weil ich keine genügend laute Stimme habe.

Während meiner ganzen Jugend sagte man mir, Sie werden sehen, wenn Sie einmal 50 sind. Ich bin 50. Ich habe nichts gesehen.

Mit Vivienne Newport zog das Tanztheater in das Theater am Turm ein.

Im September 1982 gab es das erste Festival, BesTANZaufnahme genannt, im Mai 1983 das zweite und im November 1984 das dritte.

Lang ist es her, über drei Jahrzehnte, und weil ich in dieser Stunde an diese Zeit erinnern möchte, musste ich in den Papieren kramen. Komplett ist die Aufzählung sicher nicht, und wer hier nicht genannt wird, möchte mir bitte verzeihen:

Aus Deutschland waren dabei: Tanzforum Köln mit Jochen Ulrich, Tanz & usw. Frankfurt, die Tanzklassen der Hochschule für Musik Frankfurt, Doris Schaefer mit Tanz und Poesie aus Koblenz, Winter auf Mallorca aus Hamburg, Tanztheater Norbert Servos und das Folkwang Tanz-Studio Essen.

Solo-Abende gaben: Cristina Caprioli, Gerhard Bohner, Lynn Parkerson, Regina Baumgart, Graziella Martinez, Susanne Linke, Jorma Uotinen und Krisztina de Chàtel.

Aus Holland kamen Griftheater, Haarlem Mime Studio, Pentatheater, Bewegingsgroep Bart Stuyf, Stichting Dansproduktie mit Pauline Daniels und die Junior Group vom Nederlands Dans Theater.

Aus New York waren da Douglas Dunn and Dancers, Eiko and Koma, Molly Davis, Lindsay Kemp Company und auch die wunderbaren Männer von Le Ballets Trockadero de Monte Carlo.

Das alles wäre ohne den Motor Newport, ohne die Anregungen und Ermunterungen durch Vivienne nicht möglich geworden.

Immer dabei auch die speziellen Freunde des Hauses, gewissermaßen die drei festen Größen: die Laokoon Dance Group von Rosamund Gilmore, die Tanzfabrik Berlin mit Dieter Heitkamp und selbstverständlich die Company Vivienne Newport, die in den Jahren bis 1985 acht weitere Produktionen beisteuerte:

im Oktober 1982 „Trigger“ mit nunmehr sechs Darstellern
im Dezember 1982 „Damals“ von Samuel Beckett
im April 1983 „Persicaire“
im Oktober 1983 „Weder den Tag noch die Stunde“
im April 1984 „Ertrinken“
im November 1984 „Verschwinden mit dem Licht“
und im Januar 1985 „Scheißegal“

Die Zusammensetzung der Gruppe hat sich in diesen Jahren verändert. Neue Gesichter kamen hinzu. Neun Tanztheaterstücke in vier Jahren – das war eine enorme Produktivität. Sie war möglich gewesen durch die materielle Absicherung. Sie machte die Company zu einer privilegierten unter den freien deutschen Tanzensembles.

Es gab gelungene und - weniger gelungene Arbeiten.
Im Sommer 1985 hieß es: Das Chaos ist aufgebraucht. Es war die beste Zeit.

Als ich Jahre später über eine Lange Nacht auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf nachdachte, fragte ich Vivienne, ob sie da draußen zwischen den Grabsteinen Hugo Distlers „Totentanz“ inszenieren möchte. Sie wollte, aber sie wollte partout nicht die vorhandenen Tonaufnahmen nutzen. Neue Aufnahmen mit neuen Sprechern mussten her. Karim Cherif, Armin Dallapiccola und Thomas Langkau waren dabei. Am Abend des 30. August 2003 feierten über 3000 Zuschauer den „Totentanz“. Sie hatte wieder einen „Renner“ gestartet.

Nur einmal in all den Jahren wagten wir gemeinsame Ferien. In Brasilien verbrachten wir drei Wochen im Haus unserer Freundin Antonieta. Picinguaba, ein Dorf am Atlantik zwischen Santos und Rio. 100 Einwohner. Eine Kneipe. Täglich Fisch, mittags drei Caipirinha, in den Nächten einige mehr.

Dazwischen Sonne und Meer – und Subtropen. Weil wieder einmal Wolkenbruch und Gewitter über uns kamen, mussten wir den Strand fluchtartig verlassen. Vivienne voran, in der linken Hand die Badelatschen, am Körper den tropfnassen Badeanzug – und mit der rechten Hand hielt sie den aufgespannten Regenschirm über sich. Mehr England geht nicht.

Seit Vivienne in Berlin lebte, gab es bei uns in der Stierstraße keine Tafel ohne sie. Vor drei Wochen trafen wir uns im Café Savigny. Die Sonne schien. Es war kühl. Wir hüllten uns in die Decken ein und saßen draußen. Kaum hatte ich eine Zigarette aus der Schachtel gefingert, nahm sie mir diese weg. Seit sie nicht mehr rauchte, wollte sie die Zigaretten wenigstens anzünden.

Es war ein guter Nachmittag.

Bevor die Engländerin in ihr Auto stieg, musste ich noch eine Attacke loswerden. Sie liebte meine Hassliebe gegen England. Sie wartete eigentlich immer auf einen Spruch.

Ich gratulierte ihr also zu den zwei neuen Hubschraubern für die Falklandinseln. Sie wusste natürlich sofort, was ich meinte. Das ist gut, sagte sie. Wenn die Argentinier angreifen, müssen unsere Soldaten nicht mehr zu Fuß an die Front eilen. Das ist Kronkolonie schon immer. Royal Air Force und Royal Navy schützen alles. Wir haben dort Tintenfische, Schafwolle, Pinguine und Seehunde. Nach einer Pause fügte sie hinzu – und wir haben dort Erdöl.

Da war es wieder, ihr unverwechselbares Lachen.

Das war unsere letzte Begegnung.

Peter Hahn, 7. Mai 2015

An der Trauerfeier am 7. Mai 2015 haben u. a. teilgenommen:

Andreas Bahmann, Rolf Baumgart, Marion Buchmann, Octavio Campos, Sergio De Carvalho, Dirk Cieslak, Beatrice Cordua, Finola Cronin, Georgette Dee, Josephine Ann Endicott, Jürgen Eicher, Christian Filips, Andreschka Großmann, Horst Großmann, Mechthild Großmann, Peter Hahn, Michaela Hanser, Armin Hauser, Reinhild Hoffmann, Chandana Hörmann, Thomas Jasny, Ina Klaus, Renate Klett, Jutta Kanneberger, Tobias Lange, Thomas Langkau, Thomas McManus, Andreas Mensch, Cathy Milliken, Rita Mühlenbrink, James Newport, John Newport, Sue Newport, Liz Newport, Sven Neumann, Cornelia Niemann, Zazie de Paris, Ruth Pulgram, Kate Strong, Reimund Schlie, Sigrun Schnarrenberger, Joel Schnee, Dominik Schoetschel, Jürgen Stich, Norbert Stöß, Berna Uythof, Yoshiko Waki, Armin Wieser, Daniela Feilcke-Wolf, Matthias Witte.



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